Mittwoch

Irland macht die Euro-Zone kaputt

Immer noch meint Irland, seine dramatische Finanzkrise im Alleingang meistern zu können und ignoriert damit alle Sturmsignale in der Eurozone. Damit gefährdet Irland die Euro-Zone insgesamt und stürzt die internationalen Finanzmärkte in schwere Turbulenzen. Noch immer weigert sich der irische PM, die mit einer Hilfe des EFSF einhergehenden dringend notwendigen Etatkürzungen zu akzeptieren, nur weil er keinen Mumm hat, seiner Bevölkerung die katastrophale wirtschaftliche Wahrheit seines Landes zu sagen. Ähnlich bockig ist Portugal, dem das finanzielle Wasser auch bis zum Hals steht. Und die übrigen PIIGS schlingern auch schon im Pleite-Fahrwasser. 

Ein Lichtblick, dass Schäuble jetzt doch mal Klartext gegen Griechenland geredet hat. Wo war denn die von Papandreou jetzt so wohlfeil angemahnte Solidarität damals, als Griechenland willentlich seine Statistiken gefälscht und uns hinters Licht geführt hat, um in die Eurozone zu kommen, wohin es nach seinem Wirtschaftprofil nie hätte kommen dürfen? Jetzt haben wir das Ergebnis: Panik auf allen internationalen Finanzmärkten, die jetzt sogar auf die bisher noch resistenten Aktienmärkte übergegriffen hat. Wann kommt Irland und die anderen PIIGS endlich zur Vernunft? So kann es nicht weitergehen! 
(Blogpost basierend auf einer detaillierten Analyse der FTD heute auf Seite 1)

Dienstag

Irlands Haushaltsdefizit-Katastrophe - wo wird das noch enden?

da hilft kein Schönreden mehr:


Eurozone-Krisen-Update von heute 9.30 Uhr

Was nicht in deiner Lokalzeitung steht:


Deutschland will, dass Irland den EFSF anzapft, weil deutsche Banken so viel in Irland investiert haben.

Mit seinen Horrorszenario "Ende der Eurozone" will Portugal nur von seinem eigenen Wirtschafts-Mißmanagement ablenken. 

Das eigentliche Problem Irlands ist die totale blinde Unterstützung der irischen Bankeneigner durch die irische Regierung, was konkret ein ganz massives Risiko für die/den irischen SteuerzahlerIn mit sich bringt.

Unverständlich bleibt, warum die PIIGS, obwohl Griechenland und Irland faktisch bankrott sind, sich nach wie vor weigern, ein geordnete Insolvenz-Verfahren einzuleiten, mit dem z.B. Pakistan, Ukraine und Argentinien auch ihre Finanzkrisen erfolgreich überwunden haben.

Zum ersten Mal gerät Frankreichs Schulden-Wirtschaft ins Visier kritischer FinanzanlytikerInnen: Frankreichs Schulden gegen Zahlungs-Ausfall zu versichern, kostet inzwischen mehr als die von Chile oder Malaysia... 

(Blogpost basierend auf: Eurointelligence Daily Briefing - 16 November 2010)

Sanierung der PIIGS? Ein unerreichbares Ziel

Da war doch mal was? Als unsere D-Mark abgeschafft wurde, wurden wir von unseren PolitikerInnen geködert, der neue Euro sei genauso superstabil als die deutsche Währung. Ludwig Erhard würde sich im Grabe umdrehen, wenn er auf die untere Tabelle blicken müsste. Stabilität in der Euro-Zone - kein relevantes Wort mehr. 





Quelle: FTD 16.11.10

Irlandpleite: Newsflash von heute 8 Uhr


Eigentlich ist der EFSF nur für Staaten gedacht. Aber weil das große Problem Irlands seine kaputten Banken sind, stellt sich hier die EFSF-Frage anders. Im September musste die Regierung in Dublin die Allied Irish Bank retten. Zuvor haben ängstliche internationale Kunden rund 10 Milliarden Euro von Firmenkonten abgezogen und die EZB musste bereits über 100 Milliarden Euro an irische Banken ausleihen. Damit wird die Neuverschuldung Irlands in diesem Jahr auf sag und schreibe 32 Prozent hochschnellen.

Wenn da der Irische Finanzminister noch von "beherrschbarer Krise" tönt, ist das schon mehr Realitätsblindheit als Zweckoptimismus. Je länger Irland zögert, seine massive Finanz-Krise endlich einzugestehen und sich an die Kandare vom EFSF zu begeben - von 80 Milliarden notwendigen Euros ist dabei die Rede - umso gnadenloser werden die Anleger auf den Bankrott Irlands zu spekulieren. Damit droht ein Domino-Effekt, dessen Ausgang mehr als ungewiss ist. Nicht nur die portugiesische Presse spricht schon davon, ob Portugal die Eurozone verlassen wird. Auch in Spanien wird diese mittlerweile in der Öffentlichkeit unverblümt diskutiert. Kommt also das Ende der Eurozone? Den Blogger verwundert das nicht, denn genau das hat er prognostiziert, als Griechenland im Sommer bankrott ging.


In Griechenland stehen die Dinge weiterhin schlecht. Die EU-Statistiker haben das griechische Haushaltsdefizit gegenüber den Angaben von Athen auf nun schon 15,4 Prozent hochkorrigieren müssen. Mit Finanzmathematik haben es die Griechen offenbar nicht so sehr, es sei denn als sie ihre Finanzen damals schönfärbten, um - quasi illegalerweise - in die Eurozone kommen zu können. Dazu noch eine Erhöhung des griechischen Staatsbudget-Defizits auf über 9% der griechischen Wirtschaftsleistung. Vielleicht bekommt Hellas doch noch Geschmack an der Wiedereinführung seiner lieben Drachme.

Irlands Problem = Europas Problem / **** Newsflash zur aktuellen EU-Krise ***



Stichwortartig der neueste Stand in der PIIGS Krise:

Irlands Regierung weigert sich weiter, den EFSF anzuzapfen, obwohl ihm das Wasser bis zum Hals steht. Bis zur heutigen Sitzung der Euro-Gruppe muss es sich dafür entscheiden; sonst geraten die internationalen Finanzanleger in unkontrollierte Panik.

Ab dem Canossa-Gang nach Bruxelles muß Irland mit ähnlich harten Auflagen für seine Wirtschaft rechnen wie schon früher Griechenland.

Die Skepsis Finnlands zur Aktivierung des EFSF wiegt schwer, weil Finnland dazu seine Zustimmung mit parlamentarischer Vertrauensfrage verbinden muss.

Die Besorgnis der EZB über Irland zeigt sich, dass die Bank in der vergangenen Woche stattliche 1073 Millionen Euro gekauft (in der Woche davor nur 711 Millionen).

Portugal gibt zu, dass es auch bald den EFSF bemühen muss. Die portugiesische Presse stellt außerdem zum ersten Mal den Verbleib in der Eurozone infrage und fragt, ob Deutschland vielleicht ein Interesse hat, dass die PIIGS die Eurozone verlassen sollen.

An der Irlandpleite entzündet sich ein genereller EU-Streit, ob Banken beim Bankrott von Staaten in Haftung genommen werden sollen.

Merkel stützt ihre selbstbewusste Rolle in Europa auf den derzeitigen Exportboom Deutschlands in Asien und anderen emerging countries


(Quellen: FTD vom 16.11., Berichte von German-Foreign-Policy.com und dem Centre for European Reform)

Montag

Irland - was passiert morgen?


Dementis helfen nicht mehr. Schon morgen muss Irland vielleicht den ESFS anzapfen, nachdem der Euro heute seine Talfahrt fortgesetzt hat. Auf psychologische Rücksichtnahme kann Irland nicht mehr rechnen, seitdem klar ist, dass es sich nicht mehr aus eigener Kraft finanziell befreien kann. Da helfen alle markigen Sprüche seines PM auch nix mehr. Und natürlich gibt es längst Gespräche zwischen Dublin und Bruxelles, um das Unvermeidlich zu operationalisieren. 60 Milliarden Euro werden es schon sein müssen, die wir Steuerzahler an die Insel abdrücken müssen, damit sie nicht völlig pleite geht. Gelähmt ist sie schon lange, aber jetzt greift der Domino-Effekt: Seit 14 Tagen gehen die Anleihenkurse der PIIGS auf rasante Talfahrt. Und niemand kann mehr ausschließen, dass die Panik der Anleger über die irischen Nahe-Bankrott-Zustände rasch auf die Anleihenmärkte der anderen PIIGS übergreift.

(Post basierend auf einen Artikel von André Kühnlenz im newsupdate der FTD am 15.11.10, 17h)

Das Ende des Euro - keine Katastrophe sondern Befreiung




Wer die Überlebensfähigkeit des Euro anzweifelt, wird oft als unsolidarisch gegenüber den europäischen Peripheriestaaten verschrien. Dass aber eine Rückkehr zu Einzelwährungen sowohl Deutschland und Frankreich wie auch den PIIGS gleichermaßen Vorteile bringen würde, wird dabei ausgeblendet. Christopher Smallwood vom Thinktank "Capital Economics" ist genau diesem Aspekt intensiver nachgegangen. Capital Economics hat dem "Unbequemen Blog" freundlicherweise seine Analyse kostenfrei zur Verfügung gestellt, der Smallwoods Thesen, die er im Juli diesen Jahres unter dem Titel "Warum die Euro-Zone auseinanderbrechen muß" aufgestellt hat, nachfolgend zusammenfasst.


Das drohende Auseinanderbrechen der Euro-Zone, das von vielen als eine Katastrophe gesehen wird, wäre stattdessen ein Tor zu neuem wirtschaftlichen Wachstum, nicht nur für die schwächeren Mitglieder der Zone, sondern für Europa als Ganzem. Zur Zeit gehen die PIIGS einer jahrzehntelangen wirtschaftlichen Depression und Deflation entgegen, wo doch die Befürworter des Euro die neue Währung als Garant für mehr Wirtschaftswohlstand empfohlen haben. Die massive Höhe des öffentlichen Schuldenstands in der Eurozone ist schon problematisch genug. Aber nun kommt noch der enorme Anstieg an Kosten und Preisen bei den PIIGS im Unterschied zu Frankreich und Deutschland hinzu. Damit können die PIIGS überhaupt nicht mehr mit den starken Euro-Länder konkurrieren, was zu ernormen Leistungsbilanz-Defiziten bei den PIIGS führt. Der Abbau der PIIGS-Staatsdefizite allein genügt aber nicht. Nur eine Deflation von Kosten und Preisen ist wirksam. 


Das zweite Problem ist, dass sich Deutschland trotz seines riesigen Handelsüberschusses weigert, seine wirtschaftliche Binnen-Nachfrage zu steigern. So fällt die ganze Last der Anpassung auf die PIIGS. Solange die Euro-Zone weiterhin nach diesen Regeln funktioniert, wird es auf Jahre hinaus massive wirtschaftliche Probleme in der Euro-Zone geben.
Wenn sich die PIIGS jedoch vom Rest der Euro-Zone abkoppeln, würde der Wert die PIIGS-Währungen erheblich sinken, was ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern und ihnen Exportwachstum bringen würde. So würden sie ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten durch Wachstum, nicht durch wirtschaftliche Depression lösen können. Allerdings würde auch dann noch die Rest-Eurozone weiterhin von Deutschland beherrscht werden.




Aber wenn alle Länder wieder zu ihren nationalen Währungen zurückkehren, ist der wirtschaftliche Vorteil für Deutschland enorm. Die wiedereingeführte D-Mark wäre stark, Deutschland würde seinen massiven Handelsüberschuss abbauen, seine Binnennachfrage steigern und wäre nicht mehr verpflichtet die PIIGS zu sanieren. Deutschland würde einen eindrucksvollen Job-Markt mit sinkenden Preisen aufweisen. Statt seines großen Außenhandelsüberschusses, der dem deutschen Vebraucher keine Vorteile erbringt, würde dann der Lebensstandard der deutschen Haushalte erheblich steigen.
Nur die Wiedereinführung der D-Mark würde eine ausgeglichene deutsche Wirtschaft ergeben (die in der Euro-Zone unmöglich ist)Und Deutschlands Handelspartner würden wieder an Wirtschafts-Wachstum gewinnen, weil die neuen Wechselkurse ihnen Wettbewerbsvorteile erbringen und ihnen den großen deutschen Markt öffnen würden. Dies ist die beste Option für Europa. Aus Gründen der künftigen wirtschaftliche Gesundung und eines nachhaltigen Erfolges der Europäischen Union muss nach Christopher Smallwoods Argumentation die Euro-Zone beendet 

Christopher Smallwood ist Mitarbeiter von "Capital Economics". Zuvor war er Group Economic Adviser bei Barclays plc and Economics Editor der Sunday Times. 

Eurozone - quo vadis? Zwischenbilanz nach fünf Monaten

Der Blogger hält inne. Vor rund fünf Monaten hat er mit dem Unbequemen Blog begonnen. Damals aus Ärger, dass seine Kritik am unsolidarischen Sich-Einschmuggeln Griechenlands (mit Fälschungen seiner Wirtschafts-Statistiken und völlig unsoliden Stabilitäts-Versprechen) nicht in den mainstream Medien abgedruckt wurde. Wie gut, dass im Internet-Zeitalter jedeR seinE eigenerR JournalistIn sein kann. Was ist der Blogger damals beschimpft worden als Schwarzseher, Greece-Basher, Pessimist, der den anderen die Lust am Leben und fröhlichem Konsum-Tralala näme. 


Ja, wenn Untern-Teppich-Kehren und Weggucken, Die Augen Verschließen und Nur die appeasement-Lokalzeitungen lesen zur informationellen Richtschnur wird, dann kann man natürlich unbequeme Wahrheiten nur als nationale Nestbeschmutzung bewerten. Aber so gings ja Tucholsky und Quidde früher auch. Jemand denunzierte mich sogar, ich sei "menschenverachtend" in meiner Kritik. Über so viel Ignoranz haben nicht nur ich, sondern viele andere Blog-LeserInnen auch ihre Köpfe geschüttelt. Das wird den Unbequemen Blog nicht aufhalten, konsequent und beharrlich gegen das Motto der berühmten drei Affen

vorzugehen, gegen das feige "Nichts hören, nichts sehen, nicht reden".

Soll der Blogger sich nun freuen oder traurig sein, dass in diesen Tagen seine Prognose eintritt, dass die Eurozone nur für wirtschaftliche Schönwetterperioden taugt, aber in einer Wirtschaftskrise zerbröselt? Nach Griechenland taumelt nun schon das 2. PIGS-Land in die Polypenarme des ESFS, und Portugal, Spanien, Italien - ja man spricht sogar schon von Belgien (siehe post hier im Unbequemen Blog) und UK - stehn bereits in der Bruxelles-Warteschlange. Und das alles von unseren Steuergeldern, wo hier die Krippenplätze fehlen, ein Kassenpatient zwei Monate auf einen Arztermin warten muss, und auf den Bahnhöfen immer mehr Arme sich mit Pfandflaschen-Sammeln am Leben halten müssen. Ist das noch das Sozialstaats-Gebot in unserer Verfassung, an das sich unsere PolitikerInnen, wenn sie das Grundgesetz noch ernst nähmen, eigentlich halten müssten?


Da kann der Blogger leider nur noch zynisch den alten Kölner Karnevalsreim zitieren:


"Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt?
Wer hat so viel Pinke-Pinke, wer hat soviel Geld?"


Was die Prognose des Unbequemen Blog, die genau das im Sommer vorausgesagt hat, was jetzt mit Irland passiert und demnächst noch mit den anderen PIGS passieren wird, mit Schwarzseherei oder Pessimismus zu tun hat, das mögen die nun 9000+ LeserInnen dieses Blogs selber beurteilen.    

Irland ist k.o., will aber weiter boxen

Eurointelligence Daily Briefing vom 15.11.2010 behält kühlen analytischen Kopf im Wirrwarr der Irland-Krise, bei der übers Wochenende die Telefondrähte glühten und sich die Spekulationen überschlugen: 


Noch will Irland die bittere Wahrheit seiner Pleite nicht einsehen, aber seine Kapitulation vor dem  EFSF scheint unausweichlich. Noch will dieses Land nicht die bitteren Pillen schlucken, die der EFSF ihm aufoktroyieren wird, wenn es den Canossa-Gang nach Bruxelles gehen muss, wie z.B. ein massives Erhöhen seiner lächerlich niedrigen Körperschaftssteuer. 


Aber für die finanzanalytischen insider und den BBC ist die Frage schon gar nicht mehr, ob Irland zum EFSF gehn muss, sondern nur noch wann - heute, morgen, nächste Woche? Bestimmt bis Ende November. Da wird es auch nicht helfen, dass Irland jetzt noch aus gekränkter Eitelkeit eine EFSF-Hilfe als nationale Rufschädigung ablehnt.


Was tönte der Leiter des EFSF, Klaus Regling noch vor knapp sechs Wochen: Es sei "unwahrscheinlich", dass in den kommenden Jahren ein Land einen Antrag auf EFSF-Finanzhilfe stellen würde. Ist da eigentlich der richtige Mann im richtigen Job?

Sonntag

Griechenland und der Euro - eine unendliche Geschichte




Schon in ihrer Ausgabe vom 3. November, Seite 7, springt die ja sicherlich höchst seriöse Süddeutsche Zeitung auf das Thema auf, das zuvor die BILD-Zeitung mit einer über mehrere Ausgaben gespannten Analyse begonnen hat: "Geheimakte Griechenland - Wie sich Athen den Euro erschwindelte" (O-Ton BILD-Zeitung). Und was beim SZ-Artikel  heraus? Man mag es drehen wie man will, auch die SZ muß zugeben, dass BILD in den wesentlichen beiden Punkten seiner Kritik gegen die Euro-Einführung in Griechenland recht hat: Griechenland hat seine Statistiken gefälscht und die EU-Behörden haben ihre Euro-Beitrittsregeln bei Hellas willentlich ausser Acht gelassen.

Auch der Enthüllung, dass der damalige Finanzminister Eichel einen prominenten Kritiker gegen die Einführung des Euro für Griechenland mundtot machen wollte, hat die SZ nichts entgegenzusetzen, ausser dass damalige Präsident der hessischen Landeszentralbank nicht der einzige Warner gegen das laxe Durchwinken Griechenlands in die Eurozone war und: dass Hans Eichel nicht der dafür zuständige Entscheider war. Aber das ist wirklich trivial. Viel wichtiger ist, dass auch die SZ zugeben muss, dass der Euro-Beitritt Griechenlands politisch gewollt war, aber unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nie hätte erfolgen dürfen. Und die SZ setzt sogar noch eins drauf:

Schon 1998 hätten Belgien und Italien nie in die Eurozone aufgenommen werden dürfen, wenn man in Bruxelles wirklich strenge Kriterien angelegt hätte. Also die Kritik gegen das Euro-Land Griechenland mit Griechenland-Bashing zu denunzieren ist zu billig und geht an den Fakten eindeutig vorbei.

Samstag

Pendlers Leid - Pendlers Freud



Produkt-Information


Bettina Baltschev: Last Exit Schkeuditz West. Vom wahren Leben im Regionalexpress. Das ultimative Pendler-Buch. Herder Verlag 2010. 190 Seiten, 12.95 Euro

Mein eigenes ultimatives Pendlererlebnis hatte ich, als ich im Intercity von Bremen einschlief und meinen Bahnhof Nienburg verpasste. Ich war inmitten einer netten Gruppe von Bundis eingepennt und just als der Zug schon in Nienburg hielt, wieder aufgewacht. Aber der Sprint zur Ausgangstür nütze mir nichts mehr, der IC fuhr weiter. Frustriert schlich ich wieder zum Abteil der Soldaten zurück. "Ach so, Sie waren nur auf´m Clo" mußmaßte einer von ihn. Ich hielt lieber den Mund bis Hannover. Die Bundis tauschten sich über Anschlußzüge dort aus. "Und wohin fahren Sie weiter?", fragte einer. Da mußte ich mich doch outen. "Nach Nienburg" und stimmte voll in das allgemeine Gelächter meiner jungen Mitfahrer ein.

Mit solcher Pendlerqualifikation lese ich nun dies absolut köstliche Buch. Man liest es in einem Rutsch. Was Bettina Baltschev hier spritzig satirisch mit spitzer Feder zu Papier bringt, amüsiert nicht nur PendlerInnen sondern jede/n, der es mit dem Unternehmen Bahn zu tun bekommt. Schon der Bahnhofstitel - er hätte auch Angern-Rogätz oder Zedenick heißen können - signalisiert: Hier in der hintersten Provinz, da ist besonderes Bahnland, jenseits der DB-Konsumtempel a la Leipzig Hauptbahnhof. Aber Schkeuditz West ist ja nur ein Punkt im Alltag von Baltschev, die den Leser mit großem Pendlerinnen-Engagement mit auf ihre täglichen Fahrten zwischen Halle und Leipzig mitnimmt. Wobei schon das Wort "Fahrten" viel zu blaß ist, wenn es um den erbitterten Lebenskampf in der Pendlerkoje geht, die es möglichst lange zu verteidigen gilt, oder um die beste Taktik, wie man sich gegen schrille Sexenthüllungs-Stories aus der Pendlerkoje nebenan schützen kann.


Die Autorin geht das Thema satirisch-wissenschaftlich an. Gebannt liest man von ihrer Evolutionstheorie der PendlerInnen, die sie sorgfältig in genaue Pendler-Typen klassifiziert, wobei ihr der "Hormongesteuerte Jungnahpendler" offenbar am sympathischsten ist. Allerdings: Sympathie kann man sich im Pendleralltag kaum leisten, denn jeden morgen kann es dir nach einer Zugausfall-Durchsage passieren, dass du "gemeinsam mit anderen Reisenden um dein Leben von Bahnsteig 14 nach Bahnsteig 8 rennen mußt". Für Toleranz ist da nur wenig Raum. Baltschev warnt auch eindringlich davor, jeden Waggon eines Regionalexpresses für gleich zu achten. Weit gefehlt, denn das morgendliche Dusch- und Frühstücksverhalten entscheidet nachhaltig über die Waggonwahl. Zweitwaggonpendler zum Beispiel stehen weder zu früh noch zu spät auf. Aber Pendler sind alles in allem eine fest verschworene Gemeinschaft, und wenn der letzte von ihnen, fünf Sekunden vor Abfahrt erschöpft den grünen Öffnungknopf drückt, begrüsst ihn die Gruppe der "Stoischen Altfernpendler" bestimmt mit "Pendler ho und Pendler ha, gleich ist auch der Stefan da".

Das Buch ist so randvoll mit gut gewürzten, herrlich vorgetragenen Pendlerszenen, Milieustudien, intensiven Blicke in die Untiefen eines ehemaligen Staatskonzerns, dass man in Versuchung ist, schon in der Rezension zu viel vom Lesespaß hinweg zu nehmen. Deshalb macht der Blogger jetzt lieber Schluß, bevor - Höhepunkt von Bettinas Pendlerleben - die Autorin an einem Tag versucht, ihren Regionalexpress per Zugführergeiselnahme zu einem Umweg über die Ostsee zu zwingen. Eigentlich doch gut, dass dieser Anschlag unserer Pendlerin mißglückte - was hätte der "Fahrradflüsterer" gesagt, wenn er statt in Halle in Binz hätte aussteigen müssen. Und wer es bis jetzt noch nicht kapiert hat - hier des Rezensenten Urteil: Unbedingt lesenswert! Und an die Autorin: Bitte baldmöglich das "Ultimative ICE-Buch" nachschieben, z.B. unter dem Titel "First Boarding Kassel-Wilhelmshöhe". Da freu ich mich schon auf die nächste Rezension.

Freitag

Der Staatspleitengeier jetzt über Dubai?


Die Angst vor der Staatspleite wächst nun auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Kosten für eine Absicherung gegen den Ausfall von Staatsanleihen des Emirats Dubai stiegen heute auf ein Zweimonatshoch. Die entsprechenden Kreditderivate (CDS) schossen laut Zahlen des Datendienstleisters Markit um 30 auf 440 Basispunkte in die Höhe. (Quelle: Newsupdate FTD, 12.11. 17 Uhr)

Schweinische Schulden

Das düstere Schaubild in der FTD vom 12.11.10, S. 21:

In der FTD vom 12.11.10 ist auf Seite 17 ein gutes Schaubild, dass die enormen internationalen Schuldenströme darstellt:


Matt gegen ein Übergewicht von zwei Türmen - der Blogger begrüsst den neuen Morgen

Guten Morgen,


der Blogger grüsst seine lieben (Schach)FreundInnen. Nicht jeder meiner Morgen beginnt um 5h früh so genial wie der heutige Freitag. Schaut euch mal kurz - und wenn es nur dem Blogger zuliebe ist, der unten schwarz spielt, dieses Schlußdiagram an:

Was seht ihr? Richtig, mein weißer Gegner hat nicht nur einen, sondern gleich zwei Türme mehr. Und wo stehen seine beiden Leichtfiguren? Richtig, auf meiner letzten Reihe. Da stehen sie zugegebenerweise etwas dumm und verloren herum. Vorhin hat nämlich mein Gegner in seiner materieller Gier meinen Turm und Springer geschlagen. Pech nur für ihn, dass ich ihm am Anfang die Rochade vermasselt habe und jetzt ein schönes Läuferpaar zur Hand habe plus Dame. 

Mein hochverehrter alter Schachlehrer Siegbert Tarrasch hätte da gesagt: Da muss doch ein Mattnetz drin sein. Aber er lehrte auch immer "Das muß man SEHEN". Und so geschah es. 

Trotz Zeitnachteil von immerhin 4 Minuten (das ist bei einer 15-min-limit Partie fast ne Ewigkeit): Ich sah ab Zug 15 auf einmal, was da möglich war: Zug um Zug gab ich Schach, seine beiden Türme dümpelten währenddessen auf seiner ersten Reihe unbeschäftigt dahin, und seine beiden Leichtfiguren (vom - jetzt irrelevant gewordenen - Schlagen meines S + T satt und träge) langweilten sich auf meiner untersten Reihe. 

Aber diese Viererbande interessierte mich sowieso nicht mehr. Hab´ mich eher gefreut, dass die alle so bißchen verloren und unbeteiligt auf dem Brett rumlungerten, statt ins Geschehen einzugreifen. 

Tja - und als zum Schluß vielleicht noch eine Mini-Chance für meinen Gegner bestand, mit mutigen Rückopfern seine Stellung zu verbessern - was macht er stattdessen?? Er denkt so fürchterlich materiell, dass er tatsächlich meint, trotz aller Gefahr könne er sich´s noch leisten, mit seinem Turm auf e1 meinen Läufer anzugreifen während doch seine Stellung schon lichterloh brannte. Als ob ein solch materieller Gedanke noch relevant war, wo doch schon längst D b3 = Matt drohte. 

Da kann ich nur meinen anderen alten (Flöten)Lehrer Joachim Quantz abgewandelt zu zitieren: "Mit zwei Türmen mehr und zwei Schläger-Leichtfiguren, ist es nicht allezeit gerichtet". 

Warum denken nur so viele SchachspielerInnen, das Ziel von Schach sei es, Figuren zu schlagen. Statt sich nur um eines in der (Schach)Welt zu kümmern: Wie setz ich am besten den feindlichen König matt (egal wieviel Figuren ich am Schluß noch habe)?

Wer den Blogger als leidenschaftlichen Schach-Anarchisten kennt, wird verstehen, dass ich diese Partie, die sag´ und schreibe nur 20 Züge dauerte!, in meine Ewige Bestenliste aufnehme. 


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Irland am Abgrund - nur noch europäische Rettung kann helfen




Eurointelligence Newsbrief vom 12.11.2010 bringt Klarheit: Es gibt offenbar schon Gespräche zwischen Brüssel, Berlin, Paris und London, um 750 Millionen € für die Rettung Irlands zu aktivieren. Die Nervosität wächst Stunde um Stunde, während sich die Krise des Anleihemarktes in der Eurozone ausweitet. Ausserdem hat eine gestrige Bemerkung Angela Merkels die Anleger noch mehr in Panik versetzt, weil sie auf den Konflikt zwischen Finanzwelt und Politik hingewiesen hat. Merkel wird von der FT so zitiert, dass sie gesagt hat: "Wir können nicht ständig unseren Wählern und unseren Bürger erklären, warum der Steuerzahler die Kosten für Finanzrisiken aufbringen soll und nicht die Personen, die eine Menge Geld an diesen Risiken verdient haben". Das mag im Prinzip richtig sein, aber so was sagt man besser nicht gerade in einer Anleger-Krise. Seit der Einführung des Euro haben die deutschen Politiker beteuert, dass es eine solche Krise nie geben würde, aber jetzt ist der Anleihemarkt dennoch in einer totalen Krise: Die Spreads für Portugal stehen fast auf 500 Basispunkten, in Spanien stehen sie mit 230 bp wieder ungefähr auf demselben Stand wie auf der Höhe der spanischen Finanzkrise in diesem Sommer. In Belgien stehen zum ersten Mal auf 100bp, und in Italien steigen sie gleichfalls. 

Donnerstag

Irland = Argentinien


Die Finanzsituation Irlands spitzt sich dramatisch zu meldet die FTD in ihrem 17h newsupdate vom 11.Nov 2010. Die Anleger glauben der EU und den Sanierungsplänen der PIGS nicht mehr. Die Wetten auf eine irische Staatspleite steigen unaufhaltsam. Der einstige "Irische Tiger" wird zum Argentinien Europas. Anleger müssen sich gegen eine irische Insolvenz mittlerweile so versichern wie beim Pleitestaat-Argentinien. Die Kreditderivate beider Staaten sind fast gleich. Ab heute kostet es satte 617.000 Euro im Jahr (!), wenn sich ein Anleger gegen den Ausfall von 10 Millionen Euro irischer Staatsanleihen versichern will, ein dramatischer Vertrauensverlust der Anleger in die Zukunft Irlands. Kein Wunder dass sich immer mehr Investitoren von irischen Staatsanleihen trennen, so dass deren Kurs Zug um Zug fällt. Aber auch die Anleihen anderer PIGS geraten fortlaufend unter stärkeren Druck. Was werden die nächsten Tage bringen? Wohl kaum was Gutes.

Die tägliche Krisenmeldung aus den PIGS




Eurointelligence News Briefing von heute: 


Die dominierende Nachrichten gestern war der Zusammenbruch des irischen Anleihen-Marktes mit Staatspapieren bei fast 9 Prozent, und die Nachricht, dass das griechische Wirtschafts-Anpassung-Programm im wesentlichen zusammengebrochen ist. Nach der zunächst wohlweislich gut verheimlichten Nachricht, dass das griechische Defizit 2009 über 15% beträgt, wurde gestern bekannt, dass das Defizit 2010 immer noch 9,3% betragen wird (im Gegensatz zu den projizierten 7,8%). Das allein zeigt schon, dass Griechenland keinerlei Chance haben wird, jemals eines seiner Sanierungs-Ziele zu erreichen. Griechenland ist faktisch bankrott. Zwar betont Papademos, der jetzige wirtschaftliche Berater für PM Papandreou, dass es keine Umschuldung geben wird, aber wer soll das noch glauben?

Zum heutigen GE20-Treffen: Positive und Negative Handelsbilanzen weltweit - Ein Überblick

Zu den heute beginnenden G20 Verhandlungen in Seoul auf Seite 12 der heutigen FTD ein instruktives Diagramm zu den unterschiedlichen Handelsbilanzen wichtiger Staaten in der Welt:

Mittwoch

PIGS weiter im Strudel




Die Anleihegläubiger verlieren die Nerven und weiterhin kein Ende der Kursverluste bei Bonds der Euro-Peripheriestaaten. 
Das ist die in der Schlagzeile zusammengefasste Momentaufnahme von Scheffer/Ehrlich in der FTD vom 10.11.2010, Seite 15. In ihrem Artikel weisen sie auf die erneuten Turbulenzen bei den Staatspapieren angeschlagener Euro-Staaten hin. So zogen gestern die Risikoaufschläge für Staatsanleihen Portugals und Irlands erneut deutlich an. Irische Staatsanleihen verloren weiterhin an Wert. Irland muss für zehnjährige Papiere nun über über acht Prozent Zinsen zahlen, Portugal rund sieben Prozent. Bei den Anlegern wächst die Sorge, dass es in den PIGS auf die Dauer kein Wirtschaftswachstum mehr geben wird und deren Insolvenz dadurch näher rückt. Ausserdem sind die Anleger mit einer neuen Regelung des Stabilitätspaktes konfrontiert: Künftig werden bei Staatspleiten und Moratorien auch Anleiheinvestoren herangezogen. So sind die Gläubiger klammer Euro-Staaten verunsichert und nehmen keine weiteren Investitionen mehr vor.

Die Finanzsituation in Irland und Portugal: von Tag zu Tag bedrohlicher


Kaum ein Tag vergeht ohne einen neuen Rekord bei den Spreads der Eurozone. Gestern erreichten irische und portugiesische Spreads ihr neuestes Allzeithoch, weil die Anleger darüber nachdenken, dass Deutschlands Vorschlag für eine dauerhafte Lösung der Finanzkrise die Zahlungsunfähigkeit der PIGS wahrscheinlich macht. Die Situation verschärft sich dadurch, dass sich die Haushaltsberatungen in Dublin in einer Sackgasse befinden. Eine portugiesische Schulden-Auktion hat die Investoren zusätzlich verunsichert.
Kann in diesem Zusammenhang die EZB die Zahlungsfähigkeit der PIGS durch die Notenpresse lösen? Möglicherweise schlittert die Eurozone in eine Schuldenkrise lateinamerikanischem Ausmassen hinein. Das Problem der Euro-Peripherie ist, dass der Anlage-Markt nicht sicher ist, ob Griechenland, Irland, Portugal und Spanien finanziell überhaupt noch überlebensfähig sind. Wenn die EZB Schulden der Euro-Peripherie aufkaufen würde, betritt sie einen Bereich, wovor Anleger sich fürchten. Was also als eine kurzfristige Lösung für die Krise in Griechenland gedacht war, wird zu einer generellen Monetarisierung der PIGS-Defizite".
(basierend auf Eurointelligence Daily Briefing vom 10.11.2010)

Dienstag

Irland: immer weiter in den Finanzstrudel



Die Dubliner Regierung kann sich nicht mehr am Markt refinanzieren. Zu dramatisch haben irische Staatsanleihen an Wert verloren, weil immer mehr Anleger fürchten, dass nun auch Irland unter den europäischen Rettungsschirm flüchten muss. Schon jetzt muss die Europäische Zentralbank die irischen Bondkurse massiv stützen. Allein in der vergangenen Woche kaufte die Notenbank Staatsanleihen europäischer Problemländer im Wert von stattlichen 700 Millionen Euro, ein Großteil der der Summe floß in irische Papiere. Noch nie seit dem Juni diesen Jahres hat die EZB so viel Anleihen der PIGS angekauft! (Quelle: Heinz-Roger Dohms, in der FTD vom 9.11.10, S. 19)

Die EU-Strategie zur Bankenrettung führt in die Katastrophe

Das ist die Quintessenz einer Analyse von Wolfgang Münchau, Präsident des Brüsseler Thinktank "Eurointelligence" und Mitherausgeber+Kolumnist der FTD. Hier eine Zusammenfassung seiner Argumentation:



Was der Zusammenbruch von Lehman Brothers für das internationale Finanzwesen darstellte, war in Europa der 30. September 2008, als der irische Premierminister eine Blanko-Garantie für den gesamten Bankensektor in Irland gab. Die anderen Regierungschefs der Eurozone mussten ihm folgen und den Rest der story kennen wir. 




Für Münchau ist dies die katastrophalste politische Entscheidung in Europa seit 1945, weil sie ohne irgendeine Strategie getroffen wurde, die wirklichen Probleme des Bankensektors zu lösen: mangelnde Kapitalausstattung, der Umfang der faulen Vermögenswerte, schlechtes Management und ein viel zu aufgeblähter Umfang. Die Folgen dieser Strategie wird erst in den nächsten Jahren deutlich werden. Einen kleinen Vorgeschmack gab es Anfang Oktober, als Irland feststellen mußte, dass das schwarze Loch in seinem Bankensektor das Land coole 32 Prozent (!) seines Brutto-Inlandproduktes kosten wird, eine sehr erschreckende Ziffer. Deutschland ist demgegenüber weiterhin notorisch optimistisch gegenüber seinem Bankensektor, obwohl auch dieser zum großen Teil unterkapitalisiert ist. 
Der Hauptfehler der europäischen Regierungen zu Beginn der Finanz-Krise war, dass das Bankensystem nicht verkleinert wurde und dass die Gläubiger nicht zu den Rettungsmaßnahmen mit herangezogen wurden. Anscheinend haben die Banken die Regierungen glatt übern Tisch gezogen. 




Warum wird nicht einfach Zahlungsunfähigkeit erklärt? Die Geschichte hat gezeigt, dass sich Länder nach einer Insolvenz schnell wieder erholen können. Aber in Europa ist Staateninsolvenz das allergrösste Tabu. Lieber - so im Falle von Lettland - setzt man sich einer brutalen wirtschaftlichen Depression aus. Eine Abwertung der Währung hätte dort geholfen, aber das wurde als political not correct betrachtet. Irland und Griechenland legen lieber ihre Wirtschaft für Generationen lahm als dass sie sie den Mut zur Insovenz haben. Aber beide Länder sind faktisch bankrott, wenn man davon ausgeht, dass es dort auf fünf bis zehn Jahre kein wirtschaftliches Wachstum mehr geben wird.
Selbst Griechenland, mit einem Verhältnis von 150% zwischen Staatsschulden und Brutto-Inlandsprodukt möchte ohne Insolvenz einfach weiter machen, ohne dass sicher ist, dass Griechenland seine Schulden durch nachhaltiges Wirtschaftswachstum begleichen kann. 


Die europäische Finanzkrise wäre viel leichter mit wenigstens einem teilweisen Insovlvenverfahren zu lösen. Aber das geht gegen das europäische Dogma. Die Eurozone beruht auf den drei Säulen: Keine Insolvenz, kein Ausstieg, keine Sanierung. Eine Kombination, die in sich schon unlogisch ist, aber tief verwurzelt im EU-Denken. Inzwischen hat sich die EU von der dritten Säule verabschiedet, verteidigt die beiden ersten aber weiterhin mit aller Vehemenz.




Nach wie vor verschließt die EU die Augen vor der katastrophalen Situation Irlands und Griechenlands, obwohl Irland (wie Spanien) fast übernacht vom Zustand einer beeindruckenden blühenden Wirtschaft in den Zustand eines quasi Bankrotts gerieten.
Das große Problem in der Eurozone ist nicht die Haushaltsdisziplin, sondern die nationale Zahlungsfähigkeit. Aufgrund der erteilten Blanko-Garantien kann man jetzt nicht mehr private und öffentliche Schulden trennen. Es gibt schlicht und einfach nur noch Schulden. Und mittlerweile sind wir in der paradoxen Situation, wo die Rettung der Banken sicherer ist, als die Rettung derer, die sie gerettet haben.

Montag

Lasst die WestLB endlich sterben

 Unter dieser Überschrift gibt Reinhard Hönighaus in der FTD vom 8.11.2010 seine Einschätzung, wie es mit der Westdeutschen Landesbank weiter gehen wird. Landesbanken sind ja eine sehr deutsches Spezifikum. Kein anderes Land leistet sich neben der Zentralbank noch so viele (unnötige) mini players im Bankwesen wie die Bundesrepublik. Lange Zeit ging das einigermaßen gut. Zwar wusste niemand so recht, warum wir so viele Landesbanken eigentlich brauchen. aber da sie nicht viel Öffentlichkeit auftraten, standen sie auch nicht im Rampenlicht. 


Erst die globale Finanzkrise in diesem Jahr brachte ein erschreckende Mißmanagement bei den Landesbanken ans Tageslicht. Speziell wurde 2010 auf einmal drastisch deutlich, welch unsägliche Spekulationen diese Geldinstitute unternommen haben, und wieviel Geld sie speziell in die ständig in Bankrottgefahr schwebenden PIGS-Staaten investiert haben. Und gerade die WestLB tat sich besonders mit Geschäften am riskanten Kapitalmarkt hervor.

    Jetzt ist die Katastrophe da, und weil keine Sanierung mehr hilft, geht der zuständige EU-Kommissar davon aus, dass die die WestLB abgewickelt und zerschlagen werden muss. Und es ist schon eine bodenlose Frechheit, wie die Banker der WestLB immer neue staatliche Sanierungszuschüsse (auf deutsch: unserer Steuergelder) anfordern. Vor paar Tagen mal wieder locker imposante 3,3 Milliarden Euro. Aber bereits der erste Sanierungbetrag von rund 3 Milliarden Euro wurde schon nach zehn Monaten zu einem Drittel verbraten.

 Man stelle sich mal vor, was von diesem Betrag Nützliches und Sinnvolles für unser Gemeinwesen hätte bezahlt werden könne. Statt dessen wird das Geld jetzt in den Schornstein geschrieben, denn die WestLB ist nicht mehr zu retten, weil sie diese Staatskredite niemals wird zurückzahlen können. Sogar andere Landesbanken haben vornehm abgewunken, als es um evt. Fusionen ging und privater Sanierer ist auch nicht Sicht. Niemand glaubt mehr, dass diese Bank je wieder rentabel sein wird.

Kein Wunder angesichts der Tatsache, dass das Land NRW und die Sparkassen als Eigner ebenso wie der Bund viel zu lange die Augen vor der miesen Realität dieser Bank verschlossen haben, so dass die Karre nun wirklich im Dreck hängt.  Noch meinen einige der Drahtzieher hinter der WestLB, dass nicht sein kann weil nicht sein darf. Aber sie übersehen, dass angesichts der internationalen Finanzkrise schon längst nicht mehr die normalen Normen gelten. Gerade hat Irlands Regierung die verstaatlichte Anglo Irish Bank abgewickelt, die für die irische Immobilienblase maßgeblich verantwortlich war. Also, auch die Tage der WestLB sind gezählt.

Eurozone - tschüss

Samuel Brittan in der FT vom 5.11.2010 mit dem Ende des Euro auseinander. Nachfolgend seine Kerngedanken:
Unter der Überschrift "Der vergebliche Versuch zur Rettung der Eurozone" setzt sich der FT-Chefkolumnist Die Parallelen zur Krise des Britischen Pfund in der Mitte der 60er sind eklatant: Erst überraschender Vertrauensverlust. Dann Rettungskationen in Form internationaler Garantien. Diese werden durch innerstaatliche Maßnahmen flankiert. Man beruhigt sich. Dann kommt die nächste Krise. Dieselben Maßnahmen. Schließlich kämpft man gar nicht mehr, sondern kann nur noch die Scherben aufsammeln. 


Nachdem die Eurozone-Staaten ihre nationalen Währungen aufgegeben haben, werden die divergierenden Interessen zwischen Deutschland und den PIGS immer deutlicher. Am Ende erwartet Brittan die Wiedereinführung der alten Währungen oder vielleicht eine neue Nachfolge-Zone.


Den (auf Papier so eindrucksvollen) Austerity-Plänen der PIGS-Staaten (massive Reduzierung der Staatsausgaben und drastische Steuererhöhungen), mit der sich die PIGS das europäische Rettungspaket erkauft haben, gibt Brittan keine Chance. Selbst autoritäre Diktaturen wie die Griechischen Obristen oder Salazar hätten solche riesigen wirtschaftlichen Veränderungen mit ihren immensen gesellschaftlichen Verwerfungen, mit denen sie einher gehen, nicht durchsetzen können.


Natürlich werden die Pro-Euro-Verfechter alles dran setzen, die Euro-Zone zu erhalten. Sie werden flankiert von den Banken, die so viel Geld in den PIGS investiert haben. Aber dass Staaten eine Währungsunion verlassen, ist keine absolute Neuigkeit: 1979 ist z.B. Irland aus der Währungsunion mit UK ausgetreten. 


Zur der Zeit, als eine Pfund-Abwertung in UK das große Tabu war, gab es im britischen Finanzministerium ein sogenanntes "Katastrophen-Buch" = ein Szenario wie man mit dem Undenkbaren umgehen müsste, wenn es denn entgegen jeder Prognose dennoch einträte. Brittan ist sich absolut sicher, dass es ein solches Katastrophen-Regiebuch natürlich auch jetzt schon in Athen, Frankfurt und anderen Ländern vorliegt, streng geheim natürlich. 


Die Deutschen werden sich freuen, wenn die D-Mark wiederkommt, und die PIGS-Länder werden sich freuen, wenn sie wieder mit ihren früheren Währungen hantieren können, statt Stagnation und drastisch fallenden Lebensstandard zu erleben. Und Frankreich wird einsehen müssen, dass all ihre geschickten Währungsmanöver der letzten Jahrzehnte ihnen letztlich doch nicht die Oberherrschaft über Deutschland eingebracht haben. 

Militärtransporter A400M - wie die Fehlkalkulation vertuscht werden soll

Der Bau des A400M verzögert sich seit drei Jahren. In dieser Zeit ist sein Preis laufend gestiegen. Von ursprünglich 225 Kaufanfragen weltweit sind deshalb nur noch 180 übrig geblieben. Deutschland hat seine Kaufoption von zunächst 73 auf nur noch 53 reduziert, um damit die Preissteigerungen zu kaschieren und will EADS jetzt sogar beim Export des Militärtransporters helfen. Die Zustimmung des Haushaltsausschusses zu diesem Deal "Weniger Flieger fürs gleiche Geld" steht noch aus. Wieder mal ein Beispiel, wie die Regierung durch einen Rüstungskonzern unter Druck gesetzt wird. 


Die FTD vom 8.11.2010 berichtet über die nächste Runde im Rüstungsprojekt-Desaster A400M:

Sonntag

Wo werden in Deutschland die Kasernen geschlossen?

Im der Ausgabe des Rheinischen Merkur vom 4. November wird ein interessantes Diagramm zu den Standortschließungen aufgrund der geplanten Bundeswehr-Reduzierung präsentiert:



Der weltweite Kampf um die seltenen Rohstoffe

Die Doppelseite 3 und 4 der FTD-Ausgabe vom 4. November 2010 bringt eine vorzügliche Aufbereitung des Themas "Seltene Erden als strategisch wichtige Rohstoffe":

  • Was sind das für Rohstoffe?
  • Wo kommen sie weltweit vor?
  • Für was werden sie gebraucht?
  • Erwartbarer Bedarf
  • Chinas Export dabei
  • Plus: Ein guter Hintergrundartikel
Angesichts der erwartbaren internationalen Konflikte über Ausbeutung und Export auch ein guter Beitrag zur internationalen Konfliktanalyse.







Wie die Rüstungsindustrie die Politik erpressen will

Wer wissen will, wie die Rüstungsindustrie in Deutschland tickt, sollte mit großer Aufmerksamkeit das Interview mit dem Chef der Militärsparte von 

EADS in der FAS vom 31. Oktober 2010, Seite 37 lesen. Da stilisiert Stefan Zoller das aberwitzige Talerion-Projekt, das schon von mehreren Abgeordneten als überdimensioniert und überflüssig kritisiert wurde, zum Schicksalsprojekt der militärischen Flugzeugindustrie hoch. Und stellt die Rüstungsindustrie gleich vollmundig auf dieselbe Wichtigkeitsstufe für Deutschland wie die Automobilsparte, IT und Chemie. 


Man merkt aber auch aus der Argumentation Zollers, wie nervös die Branche angesichts des Konfrontationskurses seitens Guttenberg geworden ist. Und interessanterweise geht Zoller mit keinem Wort auf die Kritik des Ministers und 

Generalinspekteurs der Bundeswehr ein, der in seinem Prüfbericht für das Bundeskabinett beeindruckend klar und schonungslos den offenbar seit vielen Jahren allseits geduldeten Schlendrian und Kumpanei zwischen Hardthöhe und deutscher Militärindustrie offen gelegt hat: "Zu teuer, zu spät, nicht effizient". 


So unter politischen Druck geraten, muss Zoller zur Orwell-bekannten Tarnsprache greifen. Nachdem es für die Bundeswehr keinen sinnvollen Auftrag als Heimatschutztruppe mehr gibt, möchte Zoller ausdrücklich nicht mehr von Rüstung sprechen.


Rüstung, das klingt ihm wohl zu sehr nach Waffen, Krieg, Tod und Zerstörung. Zoller hält sich da lieber an das Total-Wort "Sicherheit". Von der kann man - das weiß man seit Peter Struck - nie genug  haben, sei es bei der innerstaatlichen Überwachung oder beim deutschen Freiheitskampf am Hindukusch.  


Da nimmt es einem auch nicht wunder, wenn Zoller ganz selbstverständlich seine Profitperspektive auf den Export ausrichtet. Der Blogger vermutet, dass EADS es bei seinen Profitinteressen recht genau nimmt und bei seinen staatlichen Waffenexport-Kunden nicht zimperlich sein wird.