Samstag

Pendlers Leid - Pendlers Freud



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Bettina Baltschev: Last Exit Schkeuditz West. Vom wahren Leben im Regionalexpress. Das ultimative Pendler-Buch. Herder Verlag 2010. 190 Seiten, 12.95 Euro

Mein eigenes ultimatives Pendlererlebnis hatte ich, als ich im Intercity von Bremen einschlief und meinen Bahnhof Nienburg verpasste. Ich war inmitten einer netten Gruppe von Bundis eingepennt und just als der Zug schon in Nienburg hielt, wieder aufgewacht. Aber der Sprint zur Ausgangstür nütze mir nichts mehr, der IC fuhr weiter. Frustriert schlich ich wieder zum Abteil der Soldaten zurück. "Ach so, Sie waren nur auf´m Clo" mußmaßte einer von ihn. Ich hielt lieber den Mund bis Hannover. Die Bundis tauschten sich über Anschlußzüge dort aus. "Und wohin fahren Sie weiter?", fragte einer. Da mußte ich mich doch outen. "Nach Nienburg" und stimmte voll in das allgemeine Gelächter meiner jungen Mitfahrer ein.

Mit solcher Pendlerqualifikation lese ich nun dies absolut köstliche Buch. Man liest es in einem Rutsch. Was Bettina Baltschev hier spritzig satirisch mit spitzer Feder zu Papier bringt, amüsiert nicht nur PendlerInnen sondern jede/n, der es mit dem Unternehmen Bahn zu tun bekommt. Schon der Bahnhofstitel - er hätte auch Angern-Rogätz oder Zedenick heißen können - signalisiert: Hier in der hintersten Provinz, da ist besonderes Bahnland, jenseits der DB-Konsumtempel a la Leipzig Hauptbahnhof. Aber Schkeuditz West ist ja nur ein Punkt im Alltag von Baltschev, die den Leser mit großem Pendlerinnen-Engagement mit auf ihre täglichen Fahrten zwischen Halle und Leipzig mitnimmt. Wobei schon das Wort "Fahrten" viel zu blaß ist, wenn es um den erbitterten Lebenskampf in der Pendlerkoje geht, die es möglichst lange zu verteidigen gilt, oder um die beste Taktik, wie man sich gegen schrille Sexenthüllungs-Stories aus der Pendlerkoje nebenan schützen kann.


Die Autorin geht das Thema satirisch-wissenschaftlich an. Gebannt liest man von ihrer Evolutionstheorie der PendlerInnen, die sie sorgfältig in genaue Pendler-Typen klassifiziert, wobei ihr der "Hormongesteuerte Jungnahpendler" offenbar am sympathischsten ist. Allerdings: Sympathie kann man sich im Pendleralltag kaum leisten, denn jeden morgen kann es dir nach einer Zugausfall-Durchsage passieren, dass du "gemeinsam mit anderen Reisenden um dein Leben von Bahnsteig 14 nach Bahnsteig 8 rennen mußt". Für Toleranz ist da nur wenig Raum. Baltschev warnt auch eindringlich davor, jeden Waggon eines Regionalexpresses für gleich zu achten. Weit gefehlt, denn das morgendliche Dusch- und Frühstücksverhalten entscheidet nachhaltig über die Waggonwahl. Zweitwaggonpendler zum Beispiel stehen weder zu früh noch zu spät auf. Aber Pendler sind alles in allem eine fest verschworene Gemeinschaft, und wenn der letzte von ihnen, fünf Sekunden vor Abfahrt erschöpft den grünen Öffnungknopf drückt, begrüsst ihn die Gruppe der "Stoischen Altfernpendler" bestimmt mit "Pendler ho und Pendler ha, gleich ist auch der Stefan da".

Das Buch ist so randvoll mit gut gewürzten, herrlich vorgetragenen Pendlerszenen, Milieustudien, intensiven Blicke in die Untiefen eines ehemaligen Staatskonzerns, dass man in Versuchung ist, schon in der Rezension zu viel vom Lesespaß hinweg zu nehmen. Deshalb macht der Blogger jetzt lieber Schluß, bevor - Höhepunkt von Bettinas Pendlerleben - die Autorin an einem Tag versucht, ihren Regionalexpress per Zugführergeiselnahme zu einem Umweg über die Ostsee zu zwingen. Eigentlich doch gut, dass dieser Anschlag unserer Pendlerin mißglückte - was hätte der "Fahrradflüsterer" gesagt, wenn er statt in Halle in Binz hätte aussteigen müssen. Und wer es bis jetzt noch nicht kapiert hat - hier des Rezensenten Urteil: Unbedingt lesenswert! Und an die Autorin: Bitte baldmöglich das "Ultimative ICE-Buch" nachschieben, z.B. unter dem Titel "First Boarding Kassel-Wilhelmshöhe". Da freu ich mich schon auf die nächste Rezension.

Freitag

Der Staatspleitengeier jetzt über Dubai?


Die Angst vor der Staatspleite wächst nun auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Kosten für eine Absicherung gegen den Ausfall von Staatsanleihen des Emirats Dubai stiegen heute auf ein Zweimonatshoch. Die entsprechenden Kreditderivate (CDS) schossen laut Zahlen des Datendienstleisters Markit um 30 auf 440 Basispunkte in die Höhe. (Quelle: Newsupdate FTD, 12.11. 17 Uhr)

Schweinische Schulden

Das düstere Schaubild in der FTD vom 12.11.10, S. 21:

In der FTD vom 12.11.10 ist auf Seite 17 ein gutes Schaubild, dass die enormen internationalen Schuldenströme darstellt:


Matt gegen ein Übergewicht von zwei Türmen - der Blogger begrüsst den neuen Morgen

Guten Morgen,


der Blogger grüsst seine lieben (Schach)FreundInnen. Nicht jeder meiner Morgen beginnt um 5h früh so genial wie der heutige Freitag. Schaut euch mal kurz - und wenn es nur dem Blogger zuliebe ist, der unten schwarz spielt, dieses Schlußdiagram an:

Was seht ihr? Richtig, mein weißer Gegner hat nicht nur einen, sondern gleich zwei Türme mehr. Und wo stehen seine beiden Leichtfiguren? Richtig, auf meiner letzten Reihe. Da stehen sie zugegebenerweise etwas dumm und verloren herum. Vorhin hat nämlich mein Gegner in seiner materieller Gier meinen Turm und Springer geschlagen. Pech nur für ihn, dass ich ihm am Anfang die Rochade vermasselt habe und jetzt ein schönes Läuferpaar zur Hand habe plus Dame. 

Mein hochverehrter alter Schachlehrer Siegbert Tarrasch hätte da gesagt: Da muss doch ein Mattnetz drin sein. Aber er lehrte auch immer "Das muß man SEHEN". Und so geschah es. 

Trotz Zeitnachteil von immerhin 4 Minuten (das ist bei einer 15-min-limit Partie fast ne Ewigkeit): Ich sah ab Zug 15 auf einmal, was da möglich war: Zug um Zug gab ich Schach, seine beiden Türme dümpelten währenddessen auf seiner ersten Reihe unbeschäftigt dahin, und seine beiden Leichtfiguren (vom - jetzt irrelevant gewordenen - Schlagen meines S + T satt und träge) langweilten sich auf meiner untersten Reihe. 

Aber diese Viererbande interessierte mich sowieso nicht mehr. Hab´ mich eher gefreut, dass die alle so bißchen verloren und unbeteiligt auf dem Brett rumlungerten, statt ins Geschehen einzugreifen. 

Tja - und als zum Schluß vielleicht noch eine Mini-Chance für meinen Gegner bestand, mit mutigen Rückopfern seine Stellung zu verbessern - was macht er stattdessen?? Er denkt so fürchterlich materiell, dass er tatsächlich meint, trotz aller Gefahr könne er sich´s noch leisten, mit seinem Turm auf e1 meinen Läufer anzugreifen während doch seine Stellung schon lichterloh brannte. Als ob ein solch materieller Gedanke noch relevant war, wo doch schon längst D b3 = Matt drohte. 

Da kann ich nur meinen anderen alten (Flöten)Lehrer Joachim Quantz abgewandelt zu zitieren: "Mit zwei Türmen mehr und zwei Schläger-Leichtfiguren, ist es nicht allezeit gerichtet". 

Warum denken nur so viele SchachspielerInnen, das Ziel von Schach sei es, Figuren zu schlagen. Statt sich nur um eines in der (Schach)Welt zu kümmern: Wie setz ich am besten den feindlichen König matt (egal wieviel Figuren ich am Schluß noch habe)?

Wer den Blogger als leidenschaftlichen Schach-Anarchisten kennt, wird verstehen, dass ich diese Partie, die sag´ und schreibe nur 20 Züge dauerte!, in meine Ewige Bestenliste aufnehme. 


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Irland am Abgrund - nur noch europäische Rettung kann helfen




Eurointelligence Newsbrief vom 12.11.2010 bringt Klarheit: Es gibt offenbar schon Gespräche zwischen Brüssel, Berlin, Paris und London, um 750 Millionen € für die Rettung Irlands zu aktivieren. Die Nervosität wächst Stunde um Stunde, während sich die Krise des Anleihemarktes in der Eurozone ausweitet. Ausserdem hat eine gestrige Bemerkung Angela Merkels die Anleger noch mehr in Panik versetzt, weil sie auf den Konflikt zwischen Finanzwelt und Politik hingewiesen hat. Merkel wird von der FT so zitiert, dass sie gesagt hat: "Wir können nicht ständig unseren Wählern und unseren Bürger erklären, warum der Steuerzahler die Kosten für Finanzrisiken aufbringen soll und nicht die Personen, die eine Menge Geld an diesen Risiken verdient haben". Das mag im Prinzip richtig sein, aber so was sagt man besser nicht gerade in einer Anleger-Krise. Seit der Einführung des Euro haben die deutschen Politiker beteuert, dass es eine solche Krise nie geben würde, aber jetzt ist der Anleihemarkt dennoch in einer totalen Krise: Die Spreads für Portugal stehen fast auf 500 Basispunkten, in Spanien stehen sie mit 230 bp wieder ungefähr auf demselben Stand wie auf der Höhe der spanischen Finanzkrise in diesem Sommer. In Belgien stehen zum ersten Mal auf 100bp, und in Italien steigen sie gleichfalls. 

Donnerstag

Irland = Argentinien


Die Finanzsituation Irlands spitzt sich dramatisch zu meldet die FTD in ihrem 17h newsupdate vom 11.Nov 2010. Die Anleger glauben der EU und den Sanierungsplänen der PIGS nicht mehr. Die Wetten auf eine irische Staatspleite steigen unaufhaltsam. Der einstige "Irische Tiger" wird zum Argentinien Europas. Anleger müssen sich gegen eine irische Insolvenz mittlerweile so versichern wie beim Pleitestaat-Argentinien. Die Kreditderivate beider Staaten sind fast gleich. Ab heute kostet es satte 617.000 Euro im Jahr (!), wenn sich ein Anleger gegen den Ausfall von 10 Millionen Euro irischer Staatsanleihen versichern will, ein dramatischer Vertrauensverlust der Anleger in die Zukunft Irlands. Kein Wunder dass sich immer mehr Investitoren von irischen Staatsanleihen trennen, so dass deren Kurs Zug um Zug fällt. Aber auch die Anleihen anderer PIGS geraten fortlaufend unter stärkeren Druck. Was werden die nächsten Tage bringen? Wohl kaum was Gutes.

Die tägliche Krisenmeldung aus den PIGS




Eurointelligence News Briefing von heute: 


Die dominierende Nachrichten gestern war der Zusammenbruch des irischen Anleihen-Marktes mit Staatspapieren bei fast 9 Prozent, und die Nachricht, dass das griechische Wirtschafts-Anpassung-Programm im wesentlichen zusammengebrochen ist. Nach der zunächst wohlweislich gut verheimlichten Nachricht, dass das griechische Defizit 2009 über 15% beträgt, wurde gestern bekannt, dass das Defizit 2010 immer noch 9,3% betragen wird (im Gegensatz zu den projizierten 7,8%). Das allein zeigt schon, dass Griechenland keinerlei Chance haben wird, jemals eines seiner Sanierungs-Ziele zu erreichen. Griechenland ist faktisch bankrott. Zwar betont Papademos, der jetzige wirtschaftliche Berater für PM Papandreou, dass es keine Umschuldung geben wird, aber wer soll das noch glauben?

Zum heutigen GE20-Treffen: Positive und Negative Handelsbilanzen weltweit - Ein Überblick

Zu den heute beginnenden G20 Verhandlungen in Seoul auf Seite 12 der heutigen FTD ein instruktives Diagramm zu den unterschiedlichen Handelsbilanzen wichtiger Staaten in der Welt:

Mittwoch

PIGS weiter im Strudel




Die Anleihegläubiger verlieren die Nerven und weiterhin kein Ende der Kursverluste bei Bonds der Euro-Peripheriestaaten. 
Das ist die in der Schlagzeile zusammengefasste Momentaufnahme von Scheffer/Ehrlich in der FTD vom 10.11.2010, Seite 15. In ihrem Artikel weisen sie auf die erneuten Turbulenzen bei den Staatspapieren angeschlagener Euro-Staaten hin. So zogen gestern die Risikoaufschläge für Staatsanleihen Portugals und Irlands erneut deutlich an. Irische Staatsanleihen verloren weiterhin an Wert. Irland muss für zehnjährige Papiere nun über über acht Prozent Zinsen zahlen, Portugal rund sieben Prozent. Bei den Anlegern wächst die Sorge, dass es in den PIGS auf die Dauer kein Wirtschaftswachstum mehr geben wird und deren Insolvenz dadurch näher rückt. Ausserdem sind die Anleger mit einer neuen Regelung des Stabilitätspaktes konfrontiert: Künftig werden bei Staatspleiten und Moratorien auch Anleiheinvestoren herangezogen. So sind die Gläubiger klammer Euro-Staaten verunsichert und nehmen keine weiteren Investitionen mehr vor.

Die Finanzsituation in Irland und Portugal: von Tag zu Tag bedrohlicher


Kaum ein Tag vergeht ohne einen neuen Rekord bei den Spreads der Eurozone. Gestern erreichten irische und portugiesische Spreads ihr neuestes Allzeithoch, weil die Anleger darüber nachdenken, dass Deutschlands Vorschlag für eine dauerhafte Lösung der Finanzkrise die Zahlungsunfähigkeit der PIGS wahrscheinlich macht. Die Situation verschärft sich dadurch, dass sich die Haushaltsberatungen in Dublin in einer Sackgasse befinden. Eine portugiesische Schulden-Auktion hat die Investoren zusätzlich verunsichert.
Kann in diesem Zusammenhang die EZB die Zahlungsfähigkeit der PIGS durch die Notenpresse lösen? Möglicherweise schlittert die Eurozone in eine Schuldenkrise lateinamerikanischem Ausmassen hinein. Das Problem der Euro-Peripherie ist, dass der Anlage-Markt nicht sicher ist, ob Griechenland, Irland, Portugal und Spanien finanziell überhaupt noch überlebensfähig sind. Wenn die EZB Schulden der Euro-Peripherie aufkaufen würde, betritt sie einen Bereich, wovor Anleger sich fürchten. Was also als eine kurzfristige Lösung für die Krise in Griechenland gedacht war, wird zu einer generellen Monetarisierung der PIGS-Defizite".
(basierend auf Eurointelligence Daily Briefing vom 10.11.2010)

Dienstag

Irland: immer weiter in den Finanzstrudel



Die Dubliner Regierung kann sich nicht mehr am Markt refinanzieren. Zu dramatisch haben irische Staatsanleihen an Wert verloren, weil immer mehr Anleger fürchten, dass nun auch Irland unter den europäischen Rettungsschirm flüchten muss. Schon jetzt muss die Europäische Zentralbank die irischen Bondkurse massiv stützen. Allein in der vergangenen Woche kaufte die Notenbank Staatsanleihen europäischer Problemländer im Wert von stattlichen 700 Millionen Euro, ein Großteil der der Summe floß in irische Papiere. Noch nie seit dem Juni diesen Jahres hat die EZB so viel Anleihen der PIGS angekauft! (Quelle: Heinz-Roger Dohms, in der FTD vom 9.11.10, S. 19)

Die EU-Strategie zur Bankenrettung führt in die Katastrophe

Das ist die Quintessenz einer Analyse von Wolfgang Münchau, Präsident des Brüsseler Thinktank "Eurointelligence" und Mitherausgeber+Kolumnist der FTD. Hier eine Zusammenfassung seiner Argumentation:



Was der Zusammenbruch von Lehman Brothers für das internationale Finanzwesen darstellte, war in Europa der 30. September 2008, als der irische Premierminister eine Blanko-Garantie für den gesamten Bankensektor in Irland gab. Die anderen Regierungschefs der Eurozone mussten ihm folgen und den Rest der story kennen wir. 




Für Münchau ist dies die katastrophalste politische Entscheidung in Europa seit 1945, weil sie ohne irgendeine Strategie getroffen wurde, die wirklichen Probleme des Bankensektors zu lösen: mangelnde Kapitalausstattung, der Umfang der faulen Vermögenswerte, schlechtes Management und ein viel zu aufgeblähter Umfang. Die Folgen dieser Strategie wird erst in den nächsten Jahren deutlich werden. Einen kleinen Vorgeschmack gab es Anfang Oktober, als Irland feststellen mußte, dass das schwarze Loch in seinem Bankensektor das Land coole 32 Prozent (!) seines Brutto-Inlandproduktes kosten wird, eine sehr erschreckende Ziffer. Deutschland ist demgegenüber weiterhin notorisch optimistisch gegenüber seinem Bankensektor, obwohl auch dieser zum großen Teil unterkapitalisiert ist. 
Der Hauptfehler der europäischen Regierungen zu Beginn der Finanz-Krise war, dass das Bankensystem nicht verkleinert wurde und dass die Gläubiger nicht zu den Rettungsmaßnahmen mit herangezogen wurden. Anscheinend haben die Banken die Regierungen glatt übern Tisch gezogen. 




Warum wird nicht einfach Zahlungsunfähigkeit erklärt? Die Geschichte hat gezeigt, dass sich Länder nach einer Insolvenz schnell wieder erholen können. Aber in Europa ist Staateninsolvenz das allergrösste Tabu. Lieber - so im Falle von Lettland - setzt man sich einer brutalen wirtschaftlichen Depression aus. Eine Abwertung der Währung hätte dort geholfen, aber das wurde als political not correct betrachtet. Irland und Griechenland legen lieber ihre Wirtschaft für Generationen lahm als dass sie sie den Mut zur Insovenz haben. Aber beide Länder sind faktisch bankrott, wenn man davon ausgeht, dass es dort auf fünf bis zehn Jahre kein wirtschaftliches Wachstum mehr geben wird.
Selbst Griechenland, mit einem Verhältnis von 150% zwischen Staatsschulden und Brutto-Inlandsprodukt möchte ohne Insolvenz einfach weiter machen, ohne dass sicher ist, dass Griechenland seine Schulden durch nachhaltiges Wirtschaftswachstum begleichen kann. 


Die europäische Finanzkrise wäre viel leichter mit wenigstens einem teilweisen Insovlvenverfahren zu lösen. Aber das geht gegen das europäische Dogma. Die Eurozone beruht auf den drei Säulen: Keine Insolvenz, kein Ausstieg, keine Sanierung. Eine Kombination, die in sich schon unlogisch ist, aber tief verwurzelt im EU-Denken. Inzwischen hat sich die EU von der dritten Säule verabschiedet, verteidigt die beiden ersten aber weiterhin mit aller Vehemenz.




Nach wie vor verschließt die EU die Augen vor der katastrophalen Situation Irlands und Griechenlands, obwohl Irland (wie Spanien) fast übernacht vom Zustand einer beeindruckenden blühenden Wirtschaft in den Zustand eines quasi Bankrotts gerieten.
Das große Problem in der Eurozone ist nicht die Haushaltsdisziplin, sondern die nationale Zahlungsfähigkeit. Aufgrund der erteilten Blanko-Garantien kann man jetzt nicht mehr private und öffentliche Schulden trennen. Es gibt schlicht und einfach nur noch Schulden. Und mittlerweile sind wir in der paradoxen Situation, wo die Rettung der Banken sicherer ist, als die Rettung derer, die sie gerettet haben.

Montag

Lasst die WestLB endlich sterben

 Unter dieser Überschrift gibt Reinhard Hönighaus in der FTD vom 8.11.2010 seine Einschätzung, wie es mit der Westdeutschen Landesbank weiter gehen wird. Landesbanken sind ja eine sehr deutsches Spezifikum. Kein anderes Land leistet sich neben der Zentralbank noch so viele (unnötige) mini players im Bankwesen wie die Bundesrepublik. Lange Zeit ging das einigermaßen gut. Zwar wusste niemand so recht, warum wir so viele Landesbanken eigentlich brauchen. aber da sie nicht viel Öffentlichkeit auftraten, standen sie auch nicht im Rampenlicht. 


Erst die globale Finanzkrise in diesem Jahr brachte ein erschreckende Mißmanagement bei den Landesbanken ans Tageslicht. Speziell wurde 2010 auf einmal drastisch deutlich, welch unsägliche Spekulationen diese Geldinstitute unternommen haben, und wieviel Geld sie speziell in die ständig in Bankrottgefahr schwebenden PIGS-Staaten investiert haben. Und gerade die WestLB tat sich besonders mit Geschäften am riskanten Kapitalmarkt hervor.

    Jetzt ist die Katastrophe da, und weil keine Sanierung mehr hilft, geht der zuständige EU-Kommissar davon aus, dass die die WestLB abgewickelt und zerschlagen werden muss. Und es ist schon eine bodenlose Frechheit, wie die Banker der WestLB immer neue staatliche Sanierungszuschüsse (auf deutsch: unserer Steuergelder) anfordern. Vor paar Tagen mal wieder locker imposante 3,3 Milliarden Euro. Aber bereits der erste Sanierungbetrag von rund 3 Milliarden Euro wurde schon nach zehn Monaten zu einem Drittel verbraten.

 Man stelle sich mal vor, was von diesem Betrag Nützliches und Sinnvolles für unser Gemeinwesen hätte bezahlt werden könne. Statt dessen wird das Geld jetzt in den Schornstein geschrieben, denn die WestLB ist nicht mehr zu retten, weil sie diese Staatskredite niemals wird zurückzahlen können. Sogar andere Landesbanken haben vornehm abgewunken, als es um evt. Fusionen ging und privater Sanierer ist auch nicht Sicht. Niemand glaubt mehr, dass diese Bank je wieder rentabel sein wird.

Kein Wunder angesichts der Tatsache, dass das Land NRW und die Sparkassen als Eigner ebenso wie der Bund viel zu lange die Augen vor der miesen Realität dieser Bank verschlossen haben, so dass die Karre nun wirklich im Dreck hängt.  Noch meinen einige der Drahtzieher hinter der WestLB, dass nicht sein kann weil nicht sein darf. Aber sie übersehen, dass angesichts der internationalen Finanzkrise schon längst nicht mehr die normalen Normen gelten. Gerade hat Irlands Regierung die verstaatlichte Anglo Irish Bank abgewickelt, die für die irische Immobilienblase maßgeblich verantwortlich war. Also, auch die Tage der WestLB sind gezählt.

Eurozone - tschüss

Samuel Brittan in der FT vom 5.11.2010 mit dem Ende des Euro auseinander. Nachfolgend seine Kerngedanken:
Unter der Überschrift "Der vergebliche Versuch zur Rettung der Eurozone" setzt sich der FT-Chefkolumnist Die Parallelen zur Krise des Britischen Pfund in der Mitte der 60er sind eklatant: Erst überraschender Vertrauensverlust. Dann Rettungskationen in Form internationaler Garantien. Diese werden durch innerstaatliche Maßnahmen flankiert. Man beruhigt sich. Dann kommt die nächste Krise. Dieselben Maßnahmen. Schließlich kämpft man gar nicht mehr, sondern kann nur noch die Scherben aufsammeln. 


Nachdem die Eurozone-Staaten ihre nationalen Währungen aufgegeben haben, werden die divergierenden Interessen zwischen Deutschland und den PIGS immer deutlicher. Am Ende erwartet Brittan die Wiedereinführung der alten Währungen oder vielleicht eine neue Nachfolge-Zone.


Den (auf Papier so eindrucksvollen) Austerity-Plänen der PIGS-Staaten (massive Reduzierung der Staatsausgaben und drastische Steuererhöhungen), mit der sich die PIGS das europäische Rettungspaket erkauft haben, gibt Brittan keine Chance. Selbst autoritäre Diktaturen wie die Griechischen Obristen oder Salazar hätten solche riesigen wirtschaftlichen Veränderungen mit ihren immensen gesellschaftlichen Verwerfungen, mit denen sie einher gehen, nicht durchsetzen können.


Natürlich werden die Pro-Euro-Verfechter alles dran setzen, die Euro-Zone zu erhalten. Sie werden flankiert von den Banken, die so viel Geld in den PIGS investiert haben. Aber dass Staaten eine Währungsunion verlassen, ist keine absolute Neuigkeit: 1979 ist z.B. Irland aus der Währungsunion mit UK ausgetreten. 


Zur der Zeit, als eine Pfund-Abwertung in UK das große Tabu war, gab es im britischen Finanzministerium ein sogenanntes "Katastrophen-Buch" = ein Szenario wie man mit dem Undenkbaren umgehen müsste, wenn es denn entgegen jeder Prognose dennoch einträte. Brittan ist sich absolut sicher, dass es ein solches Katastrophen-Regiebuch natürlich auch jetzt schon in Athen, Frankfurt und anderen Ländern vorliegt, streng geheim natürlich. 


Die Deutschen werden sich freuen, wenn die D-Mark wiederkommt, und die PIGS-Länder werden sich freuen, wenn sie wieder mit ihren früheren Währungen hantieren können, statt Stagnation und drastisch fallenden Lebensstandard zu erleben. Und Frankreich wird einsehen müssen, dass all ihre geschickten Währungsmanöver der letzten Jahrzehnte ihnen letztlich doch nicht die Oberherrschaft über Deutschland eingebracht haben. 

Militärtransporter A400M - wie die Fehlkalkulation vertuscht werden soll

Der Bau des A400M verzögert sich seit drei Jahren. In dieser Zeit ist sein Preis laufend gestiegen. Von ursprünglich 225 Kaufanfragen weltweit sind deshalb nur noch 180 übrig geblieben. Deutschland hat seine Kaufoption von zunächst 73 auf nur noch 53 reduziert, um damit die Preissteigerungen zu kaschieren und will EADS jetzt sogar beim Export des Militärtransporters helfen. Die Zustimmung des Haushaltsausschusses zu diesem Deal "Weniger Flieger fürs gleiche Geld" steht noch aus. Wieder mal ein Beispiel, wie die Regierung durch einen Rüstungskonzern unter Druck gesetzt wird. 


Die FTD vom 8.11.2010 berichtet über die nächste Runde im Rüstungsprojekt-Desaster A400M:

Sonntag

Wo werden in Deutschland die Kasernen geschlossen?

Im der Ausgabe des Rheinischen Merkur vom 4. November wird ein interessantes Diagramm zu den Standortschließungen aufgrund der geplanten Bundeswehr-Reduzierung präsentiert:



Der weltweite Kampf um die seltenen Rohstoffe

Die Doppelseite 3 und 4 der FTD-Ausgabe vom 4. November 2010 bringt eine vorzügliche Aufbereitung des Themas "Seltene Erden als strategisch wichtige Rohstoffe":

  • Was sind das für Rohstoffe?
  • Wo kommen sie weltweit vor?
  • Für was werden sie gebraucht?
  • Erwartbarer Bedarf
  • Chinas Export dabei
  • Plus: Ein guter Hintergrundartikel
Angesichts der erwartbaren internationalen Konflikte über Ausbeutung und Export auch ein guter Beitrag zur internationalen Konfliktanalyse.







Wie die Rüstungsindustrie die Politik erpressen will

Wer wissen will, wie die Rüstungsindustrie in Deutschland tickt, sollte mit großer Aufmerksamkeit das Interview mit dem Chef der Militärsparte von 

EADS in der FAS vom 31. Oktober 2010, Seite 37 lesen. Da stilisiert Stefan Zoller das aberwitzige Talerion-Projekt, das schon von mehreren Abgeordneten als überdimensioniert und überflüssig kritisiert wurde, zum Schicksalsprojekt der militärischen Flugzeugindustrie hoch. Und stellt die Rüstungsindustrie gleich vollmundig auf dieselbe Wichtigkeitsstufe für Deutschland wie die Automobilsparte, IT und Chemie. 


Man merkt aber auch aus der Argumentation Zollers, wie nervös die Branche angesichts des Konfrontationskurses seitens Guttenberg geworden ist. Und interessanterweise geht Zoller mit keinem Wort auf die Kritik des Ministers und 

Generalinspekteurs der Bundeswehr ein, der in seinem Prüfbericht für das Bundeskabinett beeindruckend klar und schonungslos den offenbar seit vielen Jahren allseits geduldeten Schlendrian und Kumpanei zwischen Hardthöhe und deutscher Militärindustrie offen gelegt hat: "Zu teuer, zu spät, nicht effizient". 


So unter politischen Druck geraten, muss Zoller zur Orwell-bekannten Tarnsprache greifen. Nachdem es für die Bundeswehr keinen sinnvollen Auftrag als Heimatschutztruppe mehr gibt, möchte Zoller ausdrücklich nicht mehr von Rüstung sprechen.


Rüstung, das klingt ihm wohl zu sehr nach Waffen, Krieg, Tod und Zerstörung. Zoller hält sich da lieber an das Total-Wort "Sicherheit". Von der kann man - das weiß man seit Peter Struck - nie genug  haben, sei es bei der innerstaatlichen Überwachung oder beim deutschen Freiheitskampf am Hindukusch.  


Da nimmt es einem auch nicht wunder, wenn Zoller ganz selbstverständlich seine Profitperspektive auf den Export ausrichtet. Der Blogger vermutet, dass EADS es bei seinen Profitinteressen recht genau nimmt und bei seinen staatlichen Waffenexport-Kunden nicht zimperlich sein wird.  

Donnerstag

Alternative zum Fischer Weltalmanach? Nicht überzeugend!

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Die Welt in Zahlen 2011. brand eins / statista.com - Hamburg 2010. 288 Seiten. 22 Euro


Die Absicht ist lobenswert: Dem Platzhirsch der gesellschaftlichen Statistikaufbereitung eine Alternative entgegenzusetzen. Die Umsetzung allerdings enttäuscht. Die Herausgeber möchten aus der drögen schwerfälligen Zahlenpräsentation ausbrechen. Sie bedienen sich dazu flotter, zum Teil witziger Überschriften. Treue LeserInnen werden sie dadurch allerdings kaum bekommen. Die Überschriften, die teilweise auch schon eine Interpretation der Statistik suggerieren, sind bisweilen gerade zu irreführend. Wer die Überschrift "Auf der Flucht" liest, erwartet mit Fug und Recht einen Überblick über die internationale Flüchtlingssituation. Stattdessen werden ihr/ihm die Länderanteile präsentiert, wo Asylanträge gestellt werden. 


Leider muß man sagen, dass "Die Welt in Zahlen" immer dann seriös wird und Statistiken auch optisch interessant aufbereitet, wenn die Herausgeber ihre witzig gemeinte Attitüde beiseite lassen. So ist z.B. die Seite "Wo leben die meisten Menschen" gut und klar aufgemacht. Ähnlich auch die Information über das deutsche Gastronomiegewerbe und die deutsche consulting-Branche. Und die Informationen über den Fairen Handel auf S. 66-67 sind ausgesprochen informativ (und wurden deshalb hier im Unbequemen Blog bereits gesondert gewürdigt). Aber sonst irrt der Leser an reißerischen oder lustig aufgemachten Überschriften entlang, die ihn keineswegs zu den Daten hinleiten sondern laufend erst mal raten lassen, um was unter dieser Überschrift eigentlich geht. Das erhöht die Lesemotivation nicht gerade. 



Und schließlich wird das Buch durch ein miserables Drucklayout zu einem echten Gebrauchsärgernis. Die Seitenzahlen und die "seriösen" Überschriften unter den "Anmacher-Titeln" sind in solch kleiner Fontgrösse und in so schwachem Druck-Kontrast, dass es nicht nur für jemand aus der 60+ Generation eine Strafe ist, hier seine Augen anzustrengen. Auch auf ein Register wurde kein Wert gelegt, das man doch völlig problemlos computergeneriert hätte erstellen können.

Also: Gerne wünscht sich der Blogger eine flotte kritische Alternative zum Fischer-Almanach. Aber in der vorliegenden Fassung ist es die "Die Welt in Zahlen" ist bedauerlicherweise nicht. Der Verlag sollte die Publikation nochmal überarbeiteten: Mit gut lesbarem Layout und seriösen, die Leser zur weiteren Lektüre der Statistiken einladenden Überschriften könnte das Buch seinem kritischen Anspruch doch noch gerecht werden.

Dienstag

Der Bodensee - wo die Welt nicht ganz so heil ist wie sie scheint




Das ist das Motto von "Ohne Rüstung leben", das in verdienstvoller Kleinarbeit einen neuen "Rüstungsatlas Bodensee" herausgegeben hat, eine Broschüre mit Informationen über Firmen, die in der Bodenseeregion lokalisiert sind und Rüstungsgüter produzieren und exportieren. 


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Für jede Firma werden betriebswirtschaftliche Basisdaten präsentiert und die Rüstungsprojekte aufgelistet, an denen das jeweilige Unternehmen beteiligt ist. 


Besonders umfangreich sind die Informationen über die Tognum AG, deren bei MTU hergestellte Dieselmotoren quasi weltweit in Militärschiffen zum Einsatz kommen.



Eine gute Publikation, die die Präsenz der Rüstungsindustrie in der Bodenseeregion deutlich macht. 


Leider fehlt ausser den wenigen Eingangssätzen mehr Text, der z.B. Konversionsmöglichkeiten zur Rüstungsproduktion in diesen Betrieben entwickelt. 

Montag

Scharfe Bilder bei der Bundeswehr


In der guten alten Militärzeit, als ich einfacher Gefreiter beim Bund war, hab ich einmal einen kritischen Zeitungsartikel über die atomare Abschreckung in meinen Stubenspind aufgehängt. Das kam bei meinem Unteroffizier überhaupt nicht gut an. "Mensch, reissen Sie das gefälligst ab und hängen Sie sich lieber ne nackte Frau an die Wand." Zwar verstand ich schon damals nicht, wie ein pin-up girl unsere Militärstrategie verbessern könnte, aber es half nichts. 




Natürlich hab ich damals kein Kurven-Photo in meinen Schrank gehängt, sondern den FAZ-Artikel artig gefaltet in mein Spind-Privatsafe getan, wozu ich allein den Schlüssel hatte - dieses Privileg hatte uns das Wehrpflichtgesetz großzügig eingeräumt. 


Heute, fünfzig Jahre später, hat die Bundeswehr selber Angst vor scharfen Photos: Google Street View soll die militärischen Liegenschaft nur schlecht gepixelt ablichten. 

Aber da haben Hellsichtige schon das nächste Problem für unser Militär entdeckt: Wenn alles Nicht-Militärische bei Google Street View schön sichtbar bleibt, MUSS im Umkehrschluß doch alles andere Unscharfe militärisch sein. Ob das aber unsere Sicherheit erhöht? 


Da fühl ich mich an die Zeit der zivilen lokalen Militäranalysen in Deutschland erinnert, als FriedensaktivistInnen Zug um Zug der tabuisierten Bundeswehr die Informationen abtrotzten, die notwendig waren, um gescheit und kontrovers über die Militärstrategie in Deutschland debattieren zu können. 


Auf welche ausgefeilten Tarnmethoden sind wir da gestoßen: Hinter "Abwasserdeckeln" verbargen sich Atomminen-Schächte, Militärdepots wurden - gut sichtbar! - auf den Landkarten als "Sonderflächen" deklariert. 



Und als uns die Bundeswehr partout keine Informationen über den Schießbetrieb auf Truppenübungsplätzen rausrücken wollte, hat ein ceverer Kollege in meinem Forschungsteam (das Konversionsprojekt wurde damals dankenswerterweise immerhin vom niedersächsischen Wissenschafts-Ministerium gesponsert) einfach ein Jahr lang das Bundes-Ausschreibungsblatt ausgewertet: Da bietet nämlich die Bundeswehr ihre leeren Patronenhülsen zum Verkauf an. Und jede Hülse muß zuvor auch mal verschossen worden sein - klare Logik meines Kollegen. 


Also, wenn ich Guttenberg wäre: Ich würde Google Street View auch die Militärbauten schön klar und scharf ablichten lassen. Die Geheimdienste unserer Feindstaaten (müssen ziemlich weit weg sein diese Länder, denn die Bundeskanzlerin sagt ja immer, dass wir nur noch von befreundeten Nationen umgeben sind - wahrscheinlich meint sie so Gegenden wie den Hindukusch, wo ja auch Peter Struck gerne Deutschland verteidigen lassen will) werden viel verwirrter auf Google Germany Street View gucken wenn sie feststellen: Da gibts offenbar überhaupt kein Militär mehr. 



Oder noch besser: Die Bundeswehr nimmt sich den berühmten russischen Feldmarschall Potjomkin zum Vorbild: Einfach ein paar dutzend fake military installations in die deutsche Landschaft stellen und wenn die dann als Potemkinsche Militärische Liegenschaften grob gepixelt auf dem Bildschirm unserer Feinde auftauchen, sind deren Geheimdienste ganz schön verwirrt. Das gibt echte Sicherheit.

Freitag

FAIR gewinnt

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Das verdienstvolle, weil alternative Faktenbuch "Die Welt in Zahlen 2011" (brand eins verlag Hamburg) weist es auf seiner Seite 66 nach: Fairer Handel ist im Trend!







Innerhalb von nur zwei Jahren hat sich der Umsatz von Fairtrade mehr als verdoppelt


  • Die gesellschaftliche Akzeptanz für ethischen Konsum und Nachhaltigkeit ist groß


  • Innerhalb von acht Jahren ist die Zahl der Beschäftigten in der Öko-Industrie ums 1,5-fache gestiegen


  • Die grössten Zuwächse im Fairtrade-Absatz finden bei Rosen, Zucker, Fruchtsaft, Wein und Kaffe statt

Mittwoch

Iren = Griechen = pleite



So titelt Portfoliomanager Jochen Felsenheimer in der FTD vom 26. Oktober. Und trifft damit einen Nerv der öffentlichen Diskussion über die  europäische Finanzkrise in diesem Jahr: Während die Einen abwiegeln, 

dass der Quasi-Bankrott Griechenlands ein völliger Einzelfall und Wiederholungen nicht zu befürchten seien, sprechen die Anderen vom erwartbaren Domino-Effekt der PIGS-Staaten. 





Felsenheimer geht in seiner Kolumne den Gemeinsamkeiten beider Länder nach: 


"Der Auslöser der aktuellen Krisen, die Mechanismen, die zu der jetzigen Situation geführt haben, und letztlich auch der Verlauf der Risikoaufschläge an den Kapitalmärkten ähneln sich zu sehr, um es zu ignorieren...


Beide Länder haben in den vergangenen Jahren extrem stark von der laxen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) profitiert. Billiges Geld verleitet zu einer Fehlallokation desselben - und genau das ist in beiden Ländern passiert."
....
"Irland hat circa 4,2 Millionen Einwohner und muss sein völlig marodes Bankensystem allein in diesem Jahr mit mehr als 25 Prozent des Sozialprodukts (knapp 30 Mrd. Euro) stützen. Zum 
Vergleich: Der Regierungsbezirk Oberbayern hat etwa 4,3 Millionen Einwohner - man stelle sich vor, Oberbayern hätte die Hypo Real Estate und die Bayerische Landesbank allein retten müssen!"
Felsenheimer geht fest davon aus, dass die nächsten Abschreibungen im irischen Bankensektor nur eine Frage der Zeit sind und dass, die EZB genauso wie sie es bei Griechenland gemacht hat auch Irland sanieren musst.  Ein Bilanz-Analyse lässt für F. nur den eindeutigen Schluss zu: "Es ist keine Frage, ob Griechenland und Irland ausfallen, sondern nur, wie und wann sie das tun. Entweder sie kommen ihren Zahlungsverpflichtungen gegenüber den Gläubigern nicht nach, oder sie reduzieren in extremer Weise die Zahlungsversprechen gegenüber ihren Bürgern - irgendeinen Tod werden beide Länder sterben müssen. Das ist die fatalste Gemeinsamkeit zwischen Griechenland und Irland." 
Denn - so Felsenheimer: "Die Ausfallwahrscheinlichkeit Griechenlands liegt bei etwas mehr als 40 Prozent; bei Irland sind es knapp 30 Prozent. Und das, obwohl die EU das bisher größte Rettungspaket aller Zeiten zur Verfügung gestellt hat. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob ein Land der Euro-Zone insolvent wird oder nicht. Ohne Hilfe der anderen Staaten wäre dies bereits das ein oder andere Mal passiert." 


Felsenheimer resümiert:  "Letztlich besteht kein Unterschied zwischen der Situation Irlands und der Griechenlands. Und übrigens sollten wir uns nicht wundern, wenn in absehbarer Zeit zu hören sein wird, dass Portugal auch nicht Griechenland sei."


Alarm - Portokassen in der Bundeswehr pleite

Leute, mir ist ganz schön der Schreck in die Knochen gefahren, als ich ich heute die Meldung aus dem SPIEGEL las, dass unser Militär keine Briefmarken mehr hat. 




Heute leider für Bw-Briefe geschlossen


Im ostdeutschen Militärkommando III geht gar nix mehr: No mail, no fun, no command. Natürlich haben die Militärs da gleich ihre Chance entdeckt, dem paperless office einen gehörigen Schritt näher zu kommen und neue Medien zu testen. Auch paar ABM-Maßnahmen dürften dabei anfallen. Nun wird nämlich jeder Postbrief erstmal mühsam gescannt und dann als email-Anlage versendet. Erst "bei Weiterbildungsveranstaltungen", so die Hausmitteilung vom MilKmd III, können die Originale ausgehändigt werden. Das sieht nicht gut aus für unsere Truppe. 





Collage bestehend aus einer Soldatin, einem Soldaten und dem Header von mil.bundeswehr-karriere.de

Und meist sind solche durchgesickerten Meldungen nur die Spitze des Eisbergs. Wer weiß. wo noch überall in der Bundeswehr besorgte Postkommando-Feldwebel heute den letzten Bogen 55er-cent-Briefmarken anbrechen. Ich hab mich selber schon gewundert, warum in den letzten Wochen die üblichen Hochglanzbroschüren ("Komm zur Bundeswehr - das Abenteuer wartet") in meinem Postkasten ausblieben. 





Und weil das irgendwann auch auf Kosten unser aller Sicherheit geht, sollte schnellmöglichst eine Briefmarken-Solidarkampagne gestartet werden. Früher, zu unseligen Kaiserreichszeiten hieß es noch: "Gold gab ich für Eisen". Da haben wir es doch besser: "Briefmarken gab ich für meine Armee". Also, wer hat noch 



unbenutzte Postwertzeichen zwischen Schreibtisch und Sofa versteckt, die sie/er entbehren kann? Schleunigst einsammeln, rein in einen Umschlag und ab damit nach Bonn auf die Hardthöhe. Mit einem Anschreiben wie diesem (oder ähnlich):





Sehr geehrter Herr Baron,

mit Bedauern haben wir von den besorgniserregenden Briefmarken-Defiziten in Ihrer Truppe gelesen. Der (hier wahlweise einsetzen: Schützenverein von Dedelsdortf / Landfrauen-Vereinigung von Königswusterhausen / Bundeswehr-Fanclub Dresden-Nord - unzutreffendes streichen) übersendet Ihnen in der Anlage 10 / 100 / 1000 (hier: Betrag in Worten wiederholen) gültige Postwertzeichen im Wert von 55 / 90 cent. An uns soll es nicht liegen, dass unsere Arme wieder ordnungsgemäss funktioniert und kommunizieren kann.

Mit freundlichen Grüssen

Ihre....





Diese Spontanaktionen sollten von einer Sonderaktion der Deutschen Post flankiert werden. In meiner Jugend gab es das sog. "Notopfer Berlin", eine Zwangsabgabe von 2 Pfennig zugunsten unserer Frontstadt. Jetzt ist die Zeit für eine neue Marke "Notopfer Hardthöhe". 








Quelle: doku.cc
Eine schöne, von Merkel handsignierte neue 55cent Marke, bevor alle unsere Militär-Kommandos pleite gehen. Als Markenmotiv vielleicht eine fesche Offizierin oder ein mit malerischen Herbstblättern garnierter Leopard-Panzer. 





Also, wem die Sicherheit unseres Landes noch was wert ist, der soll jetzt gefälligst spenden. Denn wie oft haben wir doch von selbstbewußten Generälen gehört: "Versorgungslücken bei der Truppe? Nicht bei uns. Die paar Tausend Euro für neue Infantriesocken, die bezahlen wir doch glatt aus der Portokasse". Wenn aber die Portokasse nun leer ist....



Dienstag

Surfen und Denken - Rezension von Nicholas Carr: Wer bin ich, wenn ich online bin

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Die Kulturrevolution durch das Internet ist in aller Munde. Alles hat sich geändert: Wie wir nach Informationen suchen, wie wir einkaufen, wie wir uns unsere Meinung bilden. Nicholas Carr konzentriert seinen Blickwinkel in dieser massiven gesellschaftlichen Veränderung auf die Persönlichkeit des online Nutzers. Ganz speziell: Wie denken wir, wenn wir im Netz sind. "Was macht mein Gehirn solange" (ein Untertitel des Buches). Wie verändert das Internet unser Denken?





 Warum Autor und Verlag den eher kulturkritischen Frank Schirrmacher das Vorwort haben schreiben lassen? Soll damit der/m LeserIn der Tenor für ihre/seine Lektüre gewiesen werden? Jedenfalls verlässt man die Eingangsseiten erst mal etwas ratlos: Wir sind "gezwungen" zum Multi-Tasking, lesen wir? Niemand ist gezwungen. Das Internet vernebelt den kapitalistischen Grundwiderspruch? Schirrmacher bleibt den Beweis schuldig. Aber der Vorwortschreiber ist ja eh, was bei ihm pessimistisch klingt, von Irreversibilität der digitalen Revolution überzeugt und flüchtet sich danach nur noch in einen vagen Appell an das Fördern von "Kontemplation". Warum empfiehlt er nicht gleich: Immer mal den PC abschalten (was ja jeder vernünftiger Surfer eh tut)?







Carrs Veränderungen im Menschen, die er durch seine online-Nutzung wahrzunehmen glaubt, sollen ihm unbenommen bleiben. Wenn er nicht mehr die Fähigkeit hat, mit jeweils anderer spezifischer Wahrnehmung und Lesegeschwindigkeit einen schönen Roman zu lesen oder nach Informationen zu googeln, so tut er mir leid. Aber das ist nicht zwangsläufig so. So wie im vor-digitalen Zeitalter "vernünftige" Menschen vernünftig verschiedenes tun konnte: Mit dem Flugzeug fliegen, den ICE benutzen, joggen, wandern oder auf der Couch sitzen, so bleibt uns Carr leider den stringenten Beweis schuldig, dass wir im Jahrzehnt des Internets nicht auch situationsangemessen fähig sind, jeweils gezielt abwechselnd zu Buch, Zeitung, iPhone oder notebook zu greifen.





Leider erleichtert Carr der Leserin nicht gerade die Lektüre seines Buches. Etwas schnell, fast könnte man sagen: lieblos, werden da Passagen ganz unterschiedlicher Thematik aneinander gereiht, ohne dass sie stringent miteinander verknüpft und in eine thematische Perspektive gebracht werden. Da gibt es überaus plastische Beschreibungen, was und in welchem Tempo der PC und das Internet die Menschheit verändert hat.





 

Unvermittelt danach vergräbt sich Carr dann wieder in die Tiefen der Gehirnforschung. Und schließlich schwebt über allem so ein leicht melancholischer Nostalgienebel a la: Früher war alles viel besser, und was sollen wir nur machen angesichts der Massivität von Blogs, Twitter, Facebook und Co.? 





Manchmal ist es auch einfach ärgerlich, dass Carr dem Stand der Internetmöglichkeiten hinter her hinkt, zB wenn er bei seiner Gegenüberstellung von real books und e-books Defizite am e-book kritisiert, die softwaremässig schon längst überwunden sind.





Die zentrale These von Carr ist offenbar, dass das Internet-Surfen uns zu unaufmerksamen, zerstreuten, vorschnellen LeserInnen macht: "Das Internet ist eine Maschine zur Minderung der Aufmerksamkeit". Und irgendwie schwebt über allen Ausführungen des Autors etwas Apokalyptisches. Seine tiefsinnigen Gedanken über die verschiedenen Gehirntätigkeiten mögen ja Relevanz haben, aber warum soll es ganz praktisch von Nachteil sein, wenn wir uns so - mit Verlaub - sinn-lose Informationen wie Telefonnummern, Fahrplaninfos oder auch ganze Gesetzestexte nicht mehr merken müssen, sondern nur noch zu wissen brauchen, wo und wie wir sie ergoogeln können? Das macht uns doch frei unser Denkkapazität nicht mehr als Informationsspeicher zu vergeuden, sondern sie frei zu machen für Urteilskraft, Unterscheidungsvermögen, Differenzierung von Ansichten. 







Was überhaupt nicht in Carrs Buch vorkommt, ist, dass surfen einfach Spaß machen kann, sei es nun chatten,  social networking, online Schach spielen. Und Carr berücksichtigt auch nicht wichtige politische Funktionen des Internet wie z.B. das Flüchtlingsnetzwerk nach dem Balkankrieg, die Gegeninformationen zu den Wahlen im Iran oder die Möglichkeiten, die das Netz chinesischen DissdentInnen eröffnet. Nur kulturkritisch über das Web nachzudenken genügt eben doch nicht. 





Nicholas Carr: Wer bin ich, wenn ich online bin... und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert. Karl Blessing Verlag München 2010, Euro 19.95