Montag

Nachdenken über das Web 2.0

Überarbeiteter Texte eines Referates, das ich am 24.7.10 in Goslar gehalten habe. Die ursprüngliche Version war auf den christlichen Kontext des dortigen Auditoriums focussiert. Die jetzige Überarbeitung hier ist religionsübergreifend formuliert und auch für einen humanistischen oder sozialistischen Standpunkt geeignet.


Jenseits aller technischen Hype lohnt es sich von Zeit zu Zeit auch sozusagen philosophisch, wer mag: sogar religiös, über das Web zu reflektieren. Das erste Mal hab ich das 1993 in meinem Buch „The World At Your Keyboard - An Alternative Guide to Golobal Computer Communication“ gemacht.



Meinen damaligen Chef hab ich nicht davon überzeugen können, dass das Web – so meine These in diesem Buch – ein progressives Medium ist, das die Emanzipation und die Machtausübung von Unten nach Oben befördert. Bei meiner Verabschiedung aus seinem Betrieb zeigte er sich versöhnlicher, „es sei vielleicht doch etwas dran“ an meiner Meinung. Heute, 17 Jahre später nach „The World At Your Keyboard“, bin ich kürzlich dieser Frage nach dem Web-Potenzial für Freiheit und Widerstand erneut – in einem Referat auf einer Sommerakademie in Goslar – nachgegangen.



Ich hab diese Leitfrage in 5 Aspekten untereilt:



Was bringt das Web für solche zentralen politischen und kulturellen Dimensionen wie
Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und Widerstand?





Was bringt das Web für die Dimension der Wahrheit?



Durch das Web ist grundsätzlich alles recherchierbar geworden, besonders die Wahrheit gegen Lügen, Vertuschen, Untern-Teppich-Kehren. Unwahrheiten bleiben nicht lange verborgen, Verfälschungen werden schnell durchschaut.



Beispiele: 








a) Erst als die schlimme Äußerung des ehemaligen deutschen Präsidenten Köhler, dass Deutschland seine materiellen interessen militärisch absichern solle, in seiner Verfassungswidrigkeit von einigen Web-Amateurjournalisten auf ihren Blogs demaskiert wurde,wurde der Weg frei, diesen unhaltbaren Präsidenten so unter Druck zu setzen, dass er zurücktreten musste. Ohne das Web wäre er mit diesem friedensstörenden verfassungswidrigen Verhalten

(vgl. Artikel 26 unserer Verfassung)

wahrscheinlich ungestraft davon gekommen und heute immer noch Präsident.



b) Erst durch konsequente online Recherchen ist deutlich geworden:


-       
dass BP seine Tiefseeölbohrungen in unverantwortlicher Weise viel zu riskant betrieben hat,

-        dass eine ähnliche Katastrophe jederzeit auch vor Deutschlands Küsten passieren kann und


-       
welche Auswirkungen der erwartbare Bankrott von BP auf die globale Wirtschaft haben wird.






c) Als der US-Militärkommandant in Afghanistan sich der politischen Kontrolle zu entziehen versuchte,




wurden seine, die politische Führung der USA diffamierenden Äußerungen online gestellt, was richtiger- und glücklicherweise ganz schnell zum Ende seine militärischen Karriere führte. Das wäre ohne das Medium Web nicht so schnell möglich gewesen.



d) Erst als durch Videos und online Veröffentlichung von Dokumenten, die das deutsche Militärministerium vergeblich vor der Öffentlichkeit geheim zu halten versuchte, die ganze Katastrophe des ungeheuerlichen Angriffs der Bundeswehr in Afghanistan mit seinen
vielen unschuldig getöteten Zivilisten offenkundig wurde, musste der dafür verantwortliche Minister endlich zurücktreten und ein längst überfällige parlamentarische Untersuchungsausschuß

mußte im Bundestag eingerichtet werden. Ohne die Kommunikations- und Informationsplattform Web hätte die deutsche Öffentlichkeit sicher nie die ganze Katastrophe dieses unmenschlichen Befehls des Oberst Klein mitbekommen und nicht die dafür Schuldigen erfahren.





Was bringt das Web für die
Dimension der Freiheit?



Im Unterschied zum Vor-Webzeitalter kann sich durch das Web jede/r recherchiermässig betätigen und meinungsmässig äußern, viel unabhängiger als in der Zeit vor dem Web. Egal wie reich oder arm, klug oder dumm, redegewandt oder redegehemmt sie/er ist, ob er in Wladiwostok, Lagos, Rio oder Manila wohnt, unabhängig von ihrer Rasse oder Konfession. Zensur ist endlich kaum mehr möglich. Und diese neue Freiheit ist äußerst preiswert und mit geringem technologischen Aufwand zu verwirklichen.



Beispiele:


a) Der Anti-Kriegs-Basisjournalismus von Kevin Sites, der nur mit iphone und mini-camcorder ausgestattet die hot spots in der Welt besucht (wie Kaukasus, Kolumbien, Nigeria, Kongo) und die Weltöffentlichkeit und die PolitikerInnen auf seiner webseite mit unbequemen Wahrheiten kionfrontiert



b) Der On-Video-Amateurjournalismus wo Recherchen und Berichterstattungen nicht länger mehr das Privileg von Druckmedien sind, sondern "von der Basis" aus erfolgen
, hat sich zu einer ernsthaften Grassroot-Alternative zum etablierten printmedienmarkt entwickelt.



Und sogar die Auswahl was online berichtet wird, wird zunehmend von unten her bestimmt und nicht mehr von Chefredakteuren oben.



c) Der counter mainstream blog German-tea-party.blogspot.com, der die Lügen zum Hellas-Bankrott enttarnt und die von den Berliner PolitikerInnen stur geleugneten Gefahren der globalen Finanzkrise bloß legt
.



Das schönste an dieser Freiheit ist, dass sich keiner mehr angespannt und mühevoll beschweren muß, wenn ihm eine Meinung oder Quelle nicht passt, sondern sie kann blitzschnell selber eine webseite aufmachen und ihre Meinung und Quellen dort präsentieren.



d) Und was für die erweiterte Meinungsfreiheit gilt, gilt ebenso für das Kauf- und Job-Verhalten: Angesichts des in realtime und globalisiert möglichen Preisvergleichs machen sich Preistreiber eher lächerlich: Was in einem shop zu teuer ist, gibts mit einem click woanders billiger. Wenn mein Buchhändler mich muffelig bedient, kauf ich halt bei Amazon. Wenn das lokale Reisebüro sich meinen unkonventionellen Kundenwünschen verweigert, buche ich meinen Urlaub online.



Kein Hotel kann sich heutzutage noch leisten, schlechten Service zu bieten oder auf sein
em Prospekt unwahre Werbeversprechen aufzustellen - so was wird sofort von geschädigten BesucherInnen online gestellt und potenzielle neue Kunden wandern ab. Und es entstehen übers Web ganz neue Chancen für Branchen, die schon vor dem Aus standen wie zB Buchantiquariate auf online-Basis.




e)
Das BürgerInnen-Engagement bekommt einen großen Aufschwung, weil per Web in den politischen Prozess viel spontaner und mit wenig Aufwand eingegriffen werden kann, besonders im lokalen Bereich. Beispielsweise im Projekt "See-Click-Fix", wo engagierte BürgerInnen mit preiswerten Digicams Probleme in ihrer Nachbarschaft aufspüren (Strassenlöcher, kaputte Telefonzellen, fehlende Busfahrpläne u.ä.)und die Probleme mit ihren smartphones der Stadtverwaltung zumailen, damit diese dann entsprechende tätig werden kann.


f)
Durch das Web erfährt das Inviduum eine grosse Renaissance an Freiheit, während die Bedeutung von Staaten und Firmen abnimmt. 


In der heutigen Web-Welt ist der wichtigste Wettbewerb nicht mehr zwischen Staaten oder Gesellschaften, sondern der Wettbewerb der Fantasie und der Ideen. Man kann heute Pläne, die man fantasiert
, viel ortsungebundener, schneller und billiger als je zuvor in Produkte umsetzen. Deshalb hat der Produktionsprozess im engeren Sinne an Bedeutung verloren. Weitaus wichtiger ist heutzutage die Fantasie.


Wenn ich heute in D
eutschland eine Idee fantasiere, kann ich sie von einem Designer in Brasilien gestalten lassen. Eine Fabrik in Südafrika entwirft den Prototyp und in Vietnam wird die Massenproduktion angefertigt. Den Verkauf wickelt Amazon ab. Ich kann online irgendwo in der Welt schnell jemand finden, der mir mein Logo zeichnet. Und ich kann das alles sehr preiswert und schnell erledigen. Das wichtigste, was ich brauche, sind gute Ideen.


Mein eigener Blog entstand exakt auf diese Weise. Ich hatte mich über ein online-Diskussionsforum geärgert – mein Ärger war zunächst nur destruktiv. Kreativ wurde mein Zorn dann, als ich beschloss, mich nicht mehr an der dortigen Diskussion zu beteiligen, sondern meinen eigenen selbstständigen Blog zu starten. Und nachdem ich erst mal diese Idee hatte, ging alles ziemlich rasch und problemlos: Die Blog-Software war bei Google vorhanden, getippt werden meine Blog-Beiträge auf einem Lenovo notebook, das emailing erfolgt über web.de als online-Provider. Ein smartes EDV-Ensemble.







Was bringt das Web für die die Dimension der Gerechtigkeit?



Die Armen können sich durch das Web besser vernetzen. Ihr Kampf gegen Ausbeutung und ungerechte Handelsstrukturen bekommt neuen kommunikativen Schwung. Sie können besser internationale Verbündete finden und überwinden mit all diesen online-Möglichkeiten ihre Ohnmacht, unter der sie im prä-web-zeitalter leiden mussten.





Was bringt das Web für die
Dimension des Friedens?



Speziell das Web eröffnet besonders gute Möglichkeiten zur Demaskierung des Militärs als viel zu gefährlichen, viel zu teuren und viel zu lange tabuisierten Bereich der Gesellschaft und Politik:



Die fürchterlichen Auswirkungen von Krieg, die sinnlose Kostspieligkeit von Armeen und Aufrüstung und die sowohl gefährliche als auch realitätsblinde absurde Denkweise des Militärs und seiner politischen und gesellschaftlichen UnterstützerInnen kann über Web endlich viel besser öffentlich gemacht werden als früher.
Das Militär kann einer allseitigen grundlegenden Kritik unterzogen und kann mit entsprechenden Alternativen nicht-militärischer, gewaltfreier Friedens-Arbeit konfrontiert werden.



So können immer mehr Menschen ernst mit der Vision Jesaias machen, die Waffen wegzuwerfen. Und das nicht erst in der Zukunft, sondern schon hier und jetzt, indem sie nämlich massenhaft den Kriegsdienst verweigern.





Was bringt das Web für
 die Dimension des Widerstandes?



Das Web ist das Medium, wo jede/r sowohl alternative Counter-mainstream-Fakten und Meinungen präsentieren kann als auch sich selbst alternativ über alternative Fakten und Meinungen informieren kann. Angesichts der weltweit immer noch viel zu ungleichmässigen Verteilung von Macht und Geld steht das Web für den Trend, diese Ungleichheit immer mehr abzubauen und zu überwinden. Dies kann immer nur von unten und gegen die Interessen der Machthaber "oben" durchgesetzt werden.




Bei diesem Kampf kommt dem Web eine besonders wichtige Funktion zu: Die vor dem Web ziemlich Ohnmächtigen können sich nun durchs Web besser vernetzen und damit ihre Interessen besser durchsetzen. Sie haben mehr Möglichkeiten als in der Zeit vor dem Web, auf Tatsachen der Ungerechtigkeit und Gewalt öffentlich aufmerksam zu machen.



Sie können ihre Meinung dazu,
-        was sich in dieser Welt der Ungerechtigkeit und des Unfriedens ändern muß,
-        wie es sich ändern kann und
-        wie die Ziele Gerechtigkeit und Frieden konkret aussehen können

im heute im Web sehr viel besser als früher artikulieren.

Mittwoch

Reif für die Insel? Auf ins Kloster!

Heute fahr ich ins Kloster Riechenberg. Ob ich von dort mobil bloggen werde, weiß ich noch nicht.





Klöster haben für moderne Menschen zunehmende Attraktivität.  Anselm Grün, der Wirtschaftleiter einer Benediktinerabtei, ist seit Jahren Star der Bestsellerlisten und hat es immerhin bis zum Kolumnisten für die BILD-Zeitung gebracht. Er bietet Jahr für Jahr Entspannungsseminare für ManagerInnen an (obwohl er ehrlich bekennt, sich auch in der Finanzkrise mit Spekulationen zu Lasten seines Klosters verzockt zu haben). 









Riechenberg ist keine Star-Adresse im Sinnsuchsegment unserer Gesellschaft. Hier waltet Bescheidenheit, Stille und freundlicher Umgang. Heuer machen sie dort das Experiment einer kleinen Sommerakademie. 





Ich soll ein Referat halten über das World Wide Web. Wär ja an sich für mich Web-Junky ein präsentatives Heimspiel, wenn da nicht der Titel - für ein Kloster angemessen - doch filigraner wäre: "Die Frage nach Gott und das World Wide Web". Da hab ich mich gründlich und intensiv vorbereiten müssen. 





Was dabei rausgekommen ist, stell ich ab nächsten Sonntag online hier in den Blog. Wir sollen auch zwei Gedichte für einen Literaturabend mitbringen. Meine beiden werden auch nächste Woche online hier zu lesen sein. 





Und weil ich der charmanten Akademieleiterin einfach nichts abschlagen konnte, hab ich mich auch für ein kleines Gitarren-Soiree bereit erklärt, allerdings nur, weil ich dort fehlertolerantes Publikum erwarten kann. Sehr beruhigend, weil ich nur Amateur bin. 





Und schliesslich wird es noch einen meditativen Barockabend zwischen Bäumen, Klostermauern und plätscherndem Bach geben, wo ich etwas Telemann, Corelli und Loeillet flötenspielen werde. Ich bin auf alles gespannt. Entspannung und Aufmerksamkeit - eine gute Mischung. 

Montag

Abschaffung der Wehrpflicht? = Schließung von Standorten!

Neulich hab ich wieder mal mit meinem Kumpel auf der Hardthöhe gesprochen. Wir kennen uns schon, seitdem ich Ende der 80er parlamentarische Anfragen zum Militär im Rheinland-Pfälzischen Landtag vorbereitet habe. 


Bisher ist die Abschaffung der Wehrpflicht ja noch nicht beschlossen, aber die Blaupausen und Berechnungen dazu sind schon weit gediehen. Und Guttenberg scheint auch der Politiker zu sein, der sich durch Widerstände, selbst in seiner eigenen Partei, davon nicht abhalten lässt.


Was in der Öffentlichkeit aber noch gar richtig begriffen worden ist, hat mir dann, ich nenn ihn mal: Horst (Anonymität muss schon sein bei dem brisanten Thema) folgendermaßen verklickert: Ohne Wehrpflichtige werden viele Militär-Standorte in Deutschland geschlossen werden! Einer davon wird mein Wohnort sein, weil das dortige Eloka-Bataillon und die Cimic-Einheit stark mit Wehrpflichtigen besetzt sind. 


Mich persönlich interessiert die militärpolitische Debatte zur Abschaffung der Wehrpflicht nicht allzu sehr. Aber über jede entmilitarisierte Stadt freue ich mich schon. Die lokale Presse in den betroffenen, dann: ehemaligen Standorten wird allerdings jammern: "wirtschaftlich unverzichtbar", "lange Tradition geht leider zu Ende", "unverständliche Entscheidung". Und die militärischen Patenschafts-Fahnen müssen in die Rumpelkammer. Ja, wer sich zu sehr auf die Bundeswehr verlässt, dem droht bei Abrüstung, dass die Soldaten die Stadt verlassen.


Bild: Spiegel online

Deutscher Militärchef in Afghanistan nicht mehr sicher



Die Taliban haben Guttenberg die Pläne versalzen. Statt den Frontkämpfer spielen zu können, musste am Freitag der Hubschrauber mit dem Militärminister schleunigst abdrehen, um nicht unter Beschuss zu geraten. 


Woraus man sieht: Das Anfang vom Ende unseres militärischen sinnlosen Abenteuers ist da. Seit neun Jahren sind die Taliban ja laut Angaben der Besatzerstaaten angeblich aus Afghanistan vertrieben worden. Komisch, dass sich offenbar erst morgen die Afghanistan-Diplomatenrunde, mutig genug fühlt, ihre Wohlfühl-Konferenz in dem Land abzuhalten, für das sie das Sagen reklamiert. 


Durchhalteparolen werden morgen angesagt sein. Kein Wunder. Die Situation in Afghanistan ist extrem schlecht: Die Zahl der getöteten Soldaten ist so hoch wie nie zuvor. Das politische Regime in Kabul bleibt so korrupt wie immer. Folgerichtig müssen die Taliban der Bevölkerung nur noch sagen: Schlimmer als wie jetzt kann es eh nicht mehr werden. 


Den Rest für die Zerstörung jeglicher Glaubwürdigkeit der USA&Co. besorgt die Zahl der von den Besatzern getöteten Zivilisten, die noch nie so hoch war wie jetzt. So verspielen die Besatzer jeglichen Kredit bei den Menschen in Afghanistan. Militärisch ist der Krieg gegen die Taliban schon längst nicht mehr zu gewinnen und das bei einer Steigerung der militärischen Kosten für die USA von 2002 bis 2009 um 300 Prozent auf im letzten Jahr stolze 60 Milliarden Dollar. 


Jetzt soll wenigstens mit den Taliban politisch gedealt werden. Aber die lassen sich bequem Zeit bei den Verhandlungen: In einem Jahr ist der US+Nato-Spuk eh vorbei. Warum da noch groß mit den Feinden verhandeln. Die Zeit arbeitet ja für die Taliban.


Wenn also noch nicht mal der deutsche Militärchef seine Jungs an der Front besuchen kann: Warum zieht er unsere Soldaten nicht möglichst schnell und umfassend jetzt nach Hause ab? Jeder noch weiter in Afghanistan getötete Soldat ist einer zuviel.


Bildquelle: Handelsblatt

Sonntag

Sonntagswanderung

Ich freu mich auf schoene Stunden im Weserbergland. Schon um 7 Uhr ist es ziemlich heiss. Ich hab deshalb mehr Wasser als Brote dabei fuer die 35 km.



Samstag

Ein Nobelpreisträger scheitert - Obamas Einknicken vor den US-Banken

"Spekulieren auf eigene Rechnung wird verboten". Markige Worte des US-Präsidenten im Januar dieses Jahres. Stand wirklich die Aufspaltung der amerikanischen Großbanken bevor? Aber nicht doch. Bei der als "die größte Umgestaltung des US-Finanzsystems seit der grossen Depression" angepriesenen Reform können sich die Banker befriedigt zurücklehnen. Es kommt alles nicht so schlimm wie von ihnen zunächst befürchtet. Wieder einmal hat Wallstreet gegen das White House und Capitol Hill gewonnen.



Von der Zerschlagung der Großbanken kein Wort mehr in dem 2400 Seiten dicken Gesetzespaket. Die meisten von Obama vor einem halben Jahr groß angekündigten Reformpläne von Obama sind zugunsten der Bankenmacht verwässert, die wenigen übrig gebliebenen werden auf die lange Bank geschoben. Die Banken behalten ihre geliebten Zockerinstrumente = ihre Derivaten-Abteilungen. "Das Kartell der Wall Street bleibt intakt. Big Business hat sich durchgesetzt" resümiert lapidar Chris Whalen, ein US-Finanzanalytiker. Ja, amerikanischer Banker müsste man sein, dann kommt man ungeschoren aus jeder noch so großen Krise und kann unverdrossen weiter spekulieren und profitieren.



Die genaue Beschreibung des Scheiterns von Obama: Hier im Handelsblatt.



Eine Analyse aus systemtheoretischer Sicht, warum die Politik sich nicht gegen die Wirtschaft durchsetzen kann, durch: Niklas Luhmann.



Bildquelle: Handelsblatt

Read the Book

Read the Book

Freitag

Großbanken - Too big to fail? Too big to save!



Die Finanzkrise ist bei weitem noch nicht überwunden. Lange Zeit haben sich Wirtschaftanalytiker kaum um den Bankensektor gekümmert. Aber die Lehmann-Pleite 2008 hat gezeigt, dass Probleme einzelner Geldinstitute ganze Volkswirtschaften destabilisieren können. Und zwar in einem Umfang, dass selbst bei gutem Willen die Regierungen unfähig wären, solche großen Banken zu retten. 


Das ist das Ergebnis einer Studie des Centre for Economic Policy Research. Island, das 2008 an den Rand des Staatsbankrotts geriet, ist nämlich überhaupt kein Einzelfall. Schon morgen können Länder wie die Schweiz, Großbritannien oder die Niederlande ebenfalls an den finanziellen Abgrund geraten. Die Schulden aller schweizerischen Banken beträgt nämlich das schwindelerregende über 6-fache der gesamten Schweizer Wirtschaftsleistung, die Schulden der britischen Banken das über 5-fache der UK-Wirtschaftsleistung.


























Es sind also erhebliche Zweifel angebracht, ob solche und ähnliche Länder überhaupt den Willen hätten, solche Großbanken zu retten, von den finanziellen Möglichkeiten ganz zu schweigen. 


Der Börse sind diese Probleme nicht verborgen geblieben: Die Aktien von Großbanken stürzten auf dem Höhepunkt der internationalen Finanzkrise sehr viel steiler ab als die vergleichsweise kleineree Geldinstitute. 


Das Problem verschärft sich noch durch die steigenden Staatsschulden: Selbst wenn der politische Wille vorhanden wäre, Großbanken vor dem Bankrott zu retten - die überschuldeten Staaten hätten gar nicht finanziellen Mittel für eine solche Rettung, "the big banks are too big to be saved". 


Damit erhalten Großbanken sowie die Staaten, die sie bedenkenlos immer größer werden ließen, die Quittung für dieses hemmungslose Wachstum: Eventuelle Bankrotte von UBS, ING oder Barclays können durch Staatsintervention überhaupt nicht mehr verhindert werden, jede Rettungsaktion würde den Staatsbankrott der Schweiz, Großbritanniens oder der Niederlande bedeuten. 


Über dieses Problem hinaus zeigt das internationale Finanzwesen auch schwerwiegende Interessensdifferenzen zwischen den Bank-Mutterländern und den Banktöchtern in anderen Staaten. Die Rettungsaktion eines Staates für eine bankrotte Bank in eigenem Land, die natürlich nur nach nationalen Interessen erfolgt, kann verheerende Folgen für die Auslandstöchter dieser Bank haben. 


So geschen bei Lehman Brothers: die unilaterale US-Hilfsaktion für LB in den USA hat gleichzeitig die Auslandstöchter von LB unkontrolliert zusammenbrechen lassen.


Donnerstag

"Something is wrotten in the state of Germany" - Claus Matecki bringt es auf den Punkt

Zum Feierabend noch ein prägnantes Zitat aus einem Beitrag des DGB-Vorstandsmitgliedes:





"Das Sparpaket der Bundesregierung startet faktisch einen Raubzug bei den Ärmsten der Armen, um Wohltaten für die Wohlhabenden, Reichen und Finanzjongleure in diesem Land zu finanzieren. Sie will ausgerechnet bei denen das Geld für die Rettung der Zocker holen, die Opfer der Krise geworden sind. Ausgerechnet bei denen, die am wenigsten am Reichtum dieses Landes teilhaben. Dafür werden Privilegien für Hoteliers, Bankmanager, Vermögende und reiche Erben gewährt. So verkommt die Bundesregierung zusehends zum Anwalt dieser Klientel und verstärkt eine der wesentlichen Ursachen der Krise."


Schöne klare Sprache! Danke, Claus Matecki.


Hier ist der link zum ganzen Text.  





P.S. Der Titel des Blogpost ist übrigens ein Shakespeare-Zitat, damals von ihm auf Dänemark gemünzt...

Deepwater Horizon - das kann uns auch passieren

Allmählich werden unsere Augen geöffnet, dass das Problem längst über Deepwater Horizon hinausgeht. Fakten gefällig? Im Golf von Mexiko befinden sich noch weitere 4300 Bohrinseln für Gas und Öl! Heftig was? 





Gibt es eine Umdenken deshalb? Es sieht nicht danach aus. Der Obamamessias faselt zwar vom "Beenden der amerikanischen Sucht nach fossilen Brennstoffen", aber hat er Pläne? Mitnichten. Er "warte auf Vorschläge" liest man. Erbärmlich für einen Politiker, der seinen Wahlkampf mit "We can" gewann.





Lieber wartet er ab, zaudert, macht TV-Talks, um der Bevölkerung zu suggerieren, es sei alles bei ihm in besten Händen. Damit werden aber die systemischen Aspekte der Katastrophe bewußt ausgeblendet: Dass zum Beispiel das Risiko von Tiefsee-Ölbohrungen so groß ist, dass BP gar nicht erst versucht hat, dafür eine Versicherungsfirma für einen möglichen Unfall zu finden. Die Suche wäre eh vergeblich gewesen, das Risiken sind einfach viel zu hoch.





Aber vergessen wir nicht, dass dieser Ölbohr- und Die-Natur-bedenkenlos-Ausbeuten-Wahn nicht auf Amerika beschränkt ist: 





Die brasilianische Ölgesellschaft Petrobras will z.B. 220 Milliarden Dollar in Bohrplattformen, Schiffe und Ausrüstungen investieren, um in gigantischem Ausmaß Öl aus der Meerestiefe vor Brasilien fördern. Und dieser brasilianische Wahnsinn toppt sogar die Amerikaner: Petrobas wird viel tiefer als BP bohren: 2000 Meter (!), um an das 7000 Meter tiefe Öl vor der brasilianischen Küste zu kommen.





Die aggressive Expansionspolitik von BP für seine Tiefseeborungen geht übrigens auf einen firmengeschichtlichen Paradigmenwechsel zurück: 





Auf dem Höhepunkt des britischen Kolonialismus war BP einer der wichtigsten wirtschaftlichen Stützpfeiler für die Kolonialpolitik Londons. Nach dem Abstieg Großbritanniens als imperiale Macht musste BP sich neue Märkte erschließen und ging dabei auch durchaus brutal vor, indem es z.B. den vom CIA gesteuerten Putsch gegen den iranischen Premierminister Mossadegh unterstützte, weil dieser es gewagt hatte, die ausländische Ölindustrie zu verstaatlichen. 





Und auch in der Gegenwart wird BP von seiner Verquickung von Firmeninteressen mit nationaler politischer Strategie eingeholt: Amerikanische Senatoren lassen zur Zeit untersuchen, ob BP für die Freilassung eines der libyschen Lockerbie-Attentäters gesorgt hat und dafür zum Dank von Ghadafi einen lukrativen Auftrag zugeschanzt bekam. 





Reichlich spät, dieses amerikanische Interesse: Dass die Ölindustrie ihre finanzielle Hand bei der der Freilassung des Lockerbie-Bombers im Spiel hatte, hat der der britische Justizminister Jack Straw schon 2009 eingeräumt. Nur: Damals war BP noch ein internationaler Star-Konzern und "Deepwater Horizon" nur ein Wort für schwierige Kreuzworträtsel.









Nachfolgend eine Visualisierung, was eine mit Deepwater Horizon vergleichbare Ölkatastrophe für die Nordseeküste bedeuten wird, wenn sie in einem Bohrloch rund um Helgoland entsteht. Also: Wir sollen uns nicht länger von den BeschwichtigerInnen ("kann bei uns doch nicht passieren") abwiegeln lassen:









(Quelle: www.ifitwasmyhome.com)





Noch ein relevanter Link: Wieviel Öl schon ausgetreten ist







Mittwoch

BP-Katastrophe ein Einzelfall? Keinesfalls!



Wenn mir die Umwelt nicht zu leid täte, hätte ich mir längst abgewöhnt, den 5., 10. oder XX. Rettungsversuch von BP im Golf von Mexiko zu registrieren. Alle sehen eher als geschickte Public Relations Gags aus, während der offenbar viel zu voreilig prämierte Friedensnobelpreisträger immer noch tatenlos vor dem Ölkonzern einknickt. 


Es lohnt sich aber, etwas über diese gegenwärtige Krise hinaus zu blicken. Zum Beispiel auf die zunehmenden Bankrottszenarien für BP, weil der Konzern die erwartbaren Haftungssummen nie und nimmer mehr aufbringen können. Da freuen sich natürlich schon die Übernahmewilligen, denn Steuergelder wird´s da sicher auch noch als Schmiermittel für den Übernahmedeal geben. 


Und auch die sonstigen ölproduzierenden Konkurrenten von BP liegen schon auf der Lauer: 


Wenn tatsächlich aus dieser Katastrophe politische Lehren gezogen werden sollten (in den USA sieht es nach dem letzten "Bohrt ruhig weiter in der Tiefe"-Urteil nicht danach aus), profitieren alternative ölfördernde Techniken wie synthetische Ölgewinnung aus Ölsand oder die terrestrische Ölproduktion. Grönland hat da die Nase vorn und hat dem britischen Ölunternhmen Cairn Energy im Juni grünes Licht für Bohrungen in der Arktis (!) gegeben - aller ökologischen Warnungen zum Trotz!


In seiner eindrucksvollen Analyse "BP-Style Extreme Energy Nightmares to Come: Four Scenarios for the Next Energy Mega-Disaster" stellt Michael Klare knapp und brillant vor, mit was wir als nächstem zu rechnen haben:
  • Zerstörung von Ölplattformen durch Eisberge


  • Wegen Bürgerkrieg, der den Ölexport lahmlegt, greift die US Army mit einer großangelegten Invasion in Nigeria ein


  • Ein Hurrikan zerstört Hunderte von Tiefwasserbohrlöcher vor der Küste Brasiliens


  • Zwischen China und Japan kommt es wegen ungeklärter Bohrrechte im Ostchinesischen Meer zum offenen heißen Krieg



Das Interessante an Klares Szenarien ist dabei die Verflochtenheit von wirtschaftlichen und militärischen Interessen. 


Noch vernichtender urteilt eine UN-Studie, die die ganze Verachtung der großen Wirtschaftskonzerne für ökologische Bedenken präsentiert. 


Da atmet man richtig auf, dass immerhin Norwegen ein Moratorium für Tiefseebohrungen in der Nordsee erlassen hat und der deutsche EU-Energiekommissar Günter Oettinger (man glaubt es eigentlich nicht: ein ehemaliger CDU-Ministerpräsident!) ein europaweiten Bohrstopp in der Nordsee fordert. 


Das ist dringend notwendig: In der Nordsee gibt es über 1000 (!) Bohrinseln, viele von ihnen von BP betrieben. 27 davon sind bereits tiefer als 180 Meter. 


Vielleicht setzt sich ja tatsächlich wenigstens hier mal die Politik gegen die Profitinteressen der Konzerne durch, auch wenn es aus systemischen Gründen (die Wirtschaft lässt sich normalerweise von der Politik nicht kontrollieren) eher unwahrscheinlich ist. 



Bildquellen: 
Oben: FTD 9.7.10 
Unten: Wikipedia

Dienstag

Banker im Stress?

Nicht wirklich, möchte ich meinen. Ein Banker ist doch nur im Stress, wenn er Angst um seine Boni haben muss oder wenn sein Privatvermögen wegen irgendwelcher undurchschaubarer Wechselkurs-Schwankungen mal 0,00237 % weniger Zinsen abwirft - immer noch sicher ein höherer Betrag als manche Rentnerin im Jahr ausbezahlt bekommt. 





Banken geraten in Stress, wenn ans Tageslicht kommt, dass sich ihre Vorstände verzockt haben, weil sie wegen ihrer Profitgier in bedenkliche Derivate, Immobilienspekulationen oder in wackelige Anleihen der PIGS Staaten investiert haben. 



Aber mit solchem Wildwest-Verhalten soll nach Vorstellung der Bundesregierung jetzt Schluß sein. Die Heuschrecken, wie der legendäre Münte weiland sie bezeichnet hat, sollen die Hosen runterlassen und ganz offen zeigen, wie es um sie bestellt ist. 



"Stresstest" heisst das Zauberwort und der Test sieht folgende drei Szenarien vor: 



1) Wie entwickelt sich normalerweise das Eigenkapital der Bank?



2) Was passiert in der Bank bei einem Konjunktureinbruch von drei Prozent?



3) Was ist in der Bank los, wenn es wieder mal den GAU am europäischen Staatsanleihenmarkt gibt, wie der Crash Anfang Mai 2010?









Eigentlich ganz vernünftig und vorsorglich denkt sich der naive Zeitgenosse, wenn sie das liest. Warum nur der unerhörte Aufstand gegen solch eine Prüfung, wie sie in den USA nach den dortigen massiven Immobilienpleiten ohne großen Banken-Widerstand und nach weitaus härteren Kriterien als beim deutschen Bankenstresstest ein- und durchgeführt worden ist? 



Einfache Antwort: Weil es für deutsche Banken offenbar unerhört ist und eine Beleidigung, sich in die Bilanzkarten gucken zu lassen, noch dazu auf staatlichem Befehl.



Seitdem also Merkel den Stresstest durchgesetzt hat, hört man nur noch Ach und Weh auf den Topetagen der Bankhäuser in Frankfurt. 



"Das nützt nur der Konkurrenz" liest man (also ob die Konkurrenz bei den Banken aufhören solle, oder muß man ein Bankenoligopol in Deutschland vermuten?). 



"Das ist viel zu viel Arbeit" sagen die anderen - wofür werden aber denn die internen Bank-Analytiker mit ihren Top Gehältern eigentlich bezahlt, wenn sie noch nicht mal ihre Hausaufgaben machen und nicht das leisten können, was jeder ehrbare Kaufman oder sorgsam rechnende Familie auch ohne staatliche Stresstestaufforderung täglich tut: Nämlich zu überlegen, wie man sich am besten auf ungünstige wirtschaftliche Entwicklungen einzustellen hat. 



"Das Bankengeheimnis ist in Gefahr" - auch so ein wohlfeiles Argument was man gegen den Stresstest hört. Da frage ich mich doch: Was ist die grössere Gefahr - das Kippen des Bankengeheimnisses oder das Kippen unseres Wirtschaftssystems weil die Banken sich nicht in die Karten gucken und den Teststress verweigern? 



 Egal, am 23. Juli wissen wir mehr bzw. halt so viel "mehr", wie die leider am Ende doch arg weichgespülten Stresstest-Indikatoren es uns sagen werden. Danke Angela, dass du wenigstens an diesem Punkt mal als Kanzlerin den Bankbossen zeigst, was ne Harke ist. 



Sonst - Niklas Luhmann lässt grüssen - ist ja was die angebliche Staats"kontrolle" gegenüber der Wirtschaft betrifft vom Kanzleramt nicht viel zu erwarten bzw. - aus Sicht der Banken - auch nicht zu befürchten. 



Der ergebnislose G 20 Gipfel neulich hat es ja wieder bewiesen: Ohne Spesen nix gewesen - außer zusammen auf der Leinwand Fußball-WM gucken. 



Bildnachweise: 

Oben: Handelsblatt, 8.7.10

Mitte: FTD 9.7. 10, S. 16

unten: FTD 6.7.10, S. 16

Freitag

Mobiles Bloggen aus dem Intercity

Ich sitze mit Heike im Zug Richtung Bonn zu unserer Enkelin Teresa. Bis auf meinen ersten Test grade fuers Bloggen von unterwegs: Erst mal ein blogfreies Wochenende.









Es sei denn Merkel tritt zurueck... Dann melde ich mich!

Export durch Euro stark? Quark!

"Wir müssen den Leuten viel deutlicher sagen, was der Euro ihnen gebracht hat", forderte Barroso im Gespräch mit der F.A.Z. vom 25. Mai 2010. Das wird aber die schon bei der Einführung des Euro skeptischen Deutschen nicht beruhigen. Nach der durch den Bankrott Griechenlands gerade nochmal notdürftig durch einen völlig asozialen sog. "Rettungs"plan zu Lasten von Alten und Armen vermiedenen Euro-Katastrophe wächst die Angst der Deutschen vor dem Euro weiter und das zu recht. Da nützt auch Schönreden durch Brüsseler Spitzenpolitiker nichts. Ein Blick in die Statistiken zeigt nämlich, dass sich kein besonderer Nutzen des Euro für den den Export der Euro-Zonen-Länder nachweisen lässt. Die ostasiatischen Länder haben viel höhere Exportraten als die Euro-Zone! 
Hier ist der Link zum Gesamtartikel in der FAZ. 


Mittwoch

Ich hab mal wieder 7k trainieren können

He, spinnt der Burkhard, uns das als Mittwochmorgen-Meldung zu präsentieren - so ne lächerliche Jogging-Strecke? Gemach, nur Geduld verehrte/ LeserIn, bis du gelesen hast, was mir dieser Lauf bedeutet hat.





Ich trainiere seit 50 Jahren, erst Mittelstrecken und jetzt in meiner AK 60 laufe ich am liebsten die 5000m, auf der Bahn im Stadion, bei Volksläufen. Vor paar Jahren - sozusagen Erinnerung an meine Jugend - wurde ich sogar noch einmal Bezirksmeister über 800m.





Ich "laufe"? Ich sollte besser sagen: ich "lief"... Denn seit 2 Jahren bekomm ich regelmässig die rote Karte gezeigt: Erst ein Adduktorenriss links, dann Oberschenkelzerrung rechts, dann fiel die eine Wade aus, dann die andere.





Nein nein, eure Ratschläge sind gut gemeint, aber sie treffen nicht zu: ich wärme mich jedesmal gut auf, ich stretche vorher und hinterher, ich mach keine jähen Antritte, Sprints oder andere muskuläre Bedenklichkeiten. Alle Zerrungen oder sind es Krämpfe? oder...? - all das kommt immer in ganz normalen Standardsituationen. Mal nach 10 min lockerem Einlaufen, mal nach fünf guten ruhigen 400m Intervallen im Stadion, es kann mir sogar - ich fass mir an den Kopf / oder richtiger: ans Bein - auf einer schönen Wanderung passieren.





Immer dasselbe Schema: schönes entspanntes Lauftraining - dann, ohne irgend einen erkennbaren äusseren Anlaß: Stich in der Wade wie mit einem Messer, der Schmerz wandert die Wade entlang, wird schlimmer, setzt sich fest. Ich weiß: ich muß aufhören, nach Hause humpeln, Eis und Ruhe.





Die Zahl der Arztbesuche ist beeindruckend: Ein Dauerthema bei meinem Hausarzt, der sich rührend um mich kümmert, Orthopäd, Chirurg, Osteopath. Und immer das gleiche bedauernde Achselzucken in den Sprechzimmern: "Tja - in der Tat rätselhaft - da kann ich auch nichts dazu sagen - das ist mir so noch nicht vorgekommen".











Mein Trainer und meine Kollegen im Lauftreff wagen schon gar nicht mehr, nach meinem Befinden zu fragen. Wobei letztes Jahr das Absurde war: WENN ich dann mal nach einer Verletzungspause wieder in Fahrt kam, waren die Ergebnisse im Training und sogar im Wettkampf immer respektabel: Die 5000m mehrmals glatt unter 25, beim Bonner Dreibrückenlauf (alle Bilder auf diesem Post sind davon) Vierter in meiner AK und noch im ersten Drittel des 500+ Gesamtfeldes = vor vielen vielen Jüngeren im Ziel, beim Nienburger Spargellauf Altersklassenerster und einer der ältesten Teilnehmer überhaupt. Mein lieber Lauffreund Hans-Ulrich tröstet mich: Also, die Energie ist doch da. Aber was nützt der beste Kreislauf, wenn die Beine nicht mitmachen.





Und in diesem Jahr halfen auch die Ruhepausen nix mehr: Nach 3 Wochen Laufstop: Wadenzerrung. Ohne groß daran zu glauben, hab ich danach eine Magnesiumkur begonnen. Nach 4 Wochen Pause erneuter Stopp beim ersten Wiedertraining - mitten auf der Strecke wegen Wadenkrämpfe.  Nach 5 Wochen Pause dasselbe: es ging nichts mehr.









Da hab ich dann doch im Zorn meine schönen neuen New Balance in die Ecke gepfeffert, eine Stunde geheult und mir dann die Walkingstöcke von unserer lieben Tochter ausgeliehen. Ende der Lauf"karriere"!





Aber weil gestern abend, nach erfrischendem Regen, die Luft so schön war und die Sonne noch so lieb schien, bin ich doch an meinen eigentlich ja schon obsoleten Sportschrank gegangen, hab die New Balance nochmal aktiviert und hab meine klassische Runde im nahen Wald hier gedreht.





Der Zyniker in mir sagte natürlich dauernd: Na, wann kommt die erste Zerrung? Aber irgendwann hab ich dann auch nicht mehr drüber gegrübelt, bin die vertraute Strecke einfach weiter gelaufen, so im 6minpk Tempo, den Weg kann ich ja eigentlich blind laufen.





Und als ich diesen ganzen Verletzungsfrust ausgeblendet hatte, dachte ich auf dem letzten Kilometer plötzlich: He, du läufst ja immer noch problemlos weiter, was ist los? So kam ich tatsächlich beschwerdefrei nach Hause. Ein Wunder. Nun, 7k zerrungslos laufen zu können, das sagt noch gar nichts, das weiß ich aus langer leidvoller Erfahrung. Aber morgen probier ich´s vielleicht nochmal. Mal 10k? Against all odds, wie das schöne englische Sprichwort lautet.





Dienstag

Die ökologisch "verbotenen" leckeren Bio-Brezel von Amazon sind da!

Danke, liebe ökologische FreundInnen, dass ihr meinen click-a-brezel-Test wohlwollend toleriert und mir ökologisch nicht zu krumm genommen habt. "Hast du denn keine Seele" frug mich Barbara. Und Falk-Rainer kategorisierte die Brezel gleich als "Verbotene Backwaren". Aber ich hab doch netterweise in meiner community so viel alternative Narrenfreiheit und ökologischen Kredit, dass sie meinen Amazon-liefert-Lebensmittel-Test letztlich doch wohlwollend durchgewunken hat. 





Und nun die nüchternen Fakten:





Lieferzeit: 6 Tage (also nix für "mal n Brezel zur Financial Times kauen") 





Preis: 3,36 Euro für 5 Brezel, das ist schön preiswert. 





Der Versand kostete natürlich in diesem Falle mehr als die Ware selber, nämlich 4,95 Euro. 





Zusammen also 8,31 Euro, aber auch dieser Gesamtpreis kann mit den heimischen Bäckern in meinem Wohnort durchaus konkurrieren.





Der Versender, "Amorebio", ist ein großer Bio-Versandhandel (Motto: "Frische, die ankommt", http://shop.amorebio.de/de/) und hat sich alle erdenkliche Mühe gegeben, ökologisch an mich zu liefern: Altpapierkarton (recycled: da war früher Demeter Vollkorn-Pizzateig im Karton drin laut Aufdruck), Altpapierschnipsel als Kartonfüllung (kein Plastikdingsbums). 





Also da kann ich auf der Seite der Lieferantenfirma ökologisch nicht meckern. Aber, aber: die Bäckerei sitzt halt weit weg bei Karlsruhe, gefährlich nahe beim AKW Philippsburg (das ist nur ein makabrer Witz, dafür kann ja Amorebio nichts). An den von googlemaps kalkulierten 511 Straßenkilometern, die die Brezel vom Alten Forsthaus in Ubstadt (schöne Adresse für eines Bio-Handels) zu meinem Haus in Nienburg zurückgelegt haben, lässt sich nicht drumrumreden.



Nun gut, nachdem ich mich als Amazon-Neo-Tester betätigt habe, lass ich mir jetzt die Öko-Brezel schmecken, die wirklich lecker sind. 





Und damit hier wirklich niemand die grüne Nase rümpfen kann: Ich erkläre hiermit nochmal feierlich: Aus logistischen und energetischen Gründen ist ein solcher Brezelkauf eindeutig, und ohne Wenn und Aber, ökologisch nicht empfehlenswert. 

Verfassungrichter schlägt Alarm gegen Euro-Rettungspaket-Wahn

Prof. Dr. Ernst-Wolfgang Böckenförde, Emeritus für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie der Universität Freiburg i. Br., war von 1983 bis 1996 Richter am deutschen Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. 



In einem Artikel in der NZZ stellt er am 21. Juni 2010 die Konstruktionfehler der Euro-Zone dar, die eine solide disziplinierte Wirtschafspolitik aller Euro-Länder verhindern und zu den jetzigen falschen Euro-politischen Beschlüssen geführt haben. 





Böckenförde fasst zusammen:

"Die schlechteste Lehre aus der Krise wäre, den gerade aus Not über Nacht eingeschlagenen Weg einer umfassenden Haftungsgemeinschaft und entsprechender Transferzusagen ohne weitere Diskussion vertragsrechtlich zu legalisieren und so auf Dauer zu stellen. Damit wäre die Chance, welche die Wirtschafts- und Verschuldungskrise Europa verschafft hat, vertan, und das Siechtum der Europäischen Union setzte sich fort. Mag sein, dass die politischen Akteure in und für Europa unter rechtlichen und politischen Druck gesetzt werden müssen, damit sie die Chance, die in der Krise liegt, ergreifen. Wenn dem so ist, sollte dies geschehen, und zwar um Europas willen."



Link zu der von Böckenförde angegriffenen EU-Veordnung  



(Bild: Reuters)

Montag

Euro-Rettungspacket verfassungswidrig!



Eine Studie des "Centrum für Europäische Politik" (www.cep.eu) beurteilt das sog. Euro-Rettungspaket als verfassungswidrig. 





Ausserdem verstösst es gegen geltendes EU-Recht. Und schließlich ist die Öffentlichkeit in wesentlichen Punkten des Pakets eindeutig getäuscht worden: ihr wurde vorgegaukelt, dass mit den 60 Milliarden Rettungssumme das Limit erreicht und das Ganze auf drei Jahre befristet sei. Beides steht aber so nicht in der Verordnung! Schliesslich hätte - eigentlich eine demokratische Selbstverständlichkeit - das Europäische Parlament zustimmen müssen, es wurde aber erst gar nicht gefragt... 


So sieht offenbar "Demokratie auf EU-isch" aus. Auf die diversen Verfassungsklagen in Karlsruhe freu ich mich schon jetzt.




Link zum Text der Studie:

Einer trage des Anderen Last

Vergangenen Samstag traf ich mich guten FreundInnen im Calenberger Land. Der Referenzpunkt unseres Gruppe ist das Christentum, wie unterschiedlich wir es auch immer begreifen. Wir wollten uns über den Spruch der letzten Woche austauschen: "Eine trage der anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (aus dem Brief, den Paulus in die Gegend um das heutige Ankara geschickt hat). 





Helmut hat uns eine gute Einführung zu dem Text gegeben, aber bevor wir darüber diskutieren konnten, haben uns dann doch aktuelle Tagesthemen überrollt. Aber ich hatte die Gelegenheit benutzt, schon vorher zu Hause über diesen Satz nachzudenken. Früher als noch mehr geheiratet wurde, war er ein Klassiker für die Hochzeitszeremonie. Aber vielleicht steckt da mehr dahinter als nur ein Motto für den Start zu einer ungewissen Lebensreise zu zweit. 





Ich arbeite also meinen Fragenkatalog ab:

Was ist das "Gesetz Christi"? "Gesetz"? Von dem, der uns doch von allen Konventionen, Vorurteilen und Denkschablonen befreien will? Ich komme ins Grübeln, aber selber fällt mir dazu nichts mehr ein. Ich erinnere mich aber eines Textes meines hochverehrten akademischen Lehrers Paul Tillich in dem er der Frage nachgeht: Von welcher Last will uns Christus befreien und warum kann er sagen "Meine (= eigene, d.h. Christi) Last ist leicht"? (Matthäus-Evangelium 11, 28-30). 





Tillichs Rede (dokumentiert in: P.Tillich "In der Tiefe ist Wahrheit", Stuttgart 1952) gipfelt in der eindrucksvollen Einladung (nachfolgend sinngemäss zitiert): "Von uns Mühseligen und Beladenen wird nichts verlangt, keine Gottesvorstellung, nicht. dass wir gut sind, nicht, dass wir moralisch sind, nicht, dass wir weise sind, nicht , dass wir religiös sind, nicht dass wir Christen sind". Ein steiler Satz, den EKD-Bürokraten und LKA-Oberkirchenräte vielleicht nicht gerne hören. Was von uns verlangt wird, so fährt Tillich fort, ist einzig, dass wir das Geschenk Christi annehmen, das im "Neuen Sein" (die zentrale Dimension in Tillichs Denken), in seinem Leben anschaubar wird: Liebe, Gerechtigkeit und Wahrheit.





Aber ich frage weiter: Was heißt "erfüllen"? Zu Ende bringen? Sicherlich doch nicht - vgl. Tillich - im Sinne eines Leistungsnachweises. Und wer ist "die Andere"? Wohl die, mit der ich unmittelbar zu tun habe. Und: Wie kann ich "tragen"? Richtige Lasten, wie einen schweren Sack, kann ich versuchen, mit Engagement jemandem abnehmen. Ich kann auch im Bahnhof jemand mal n Koffer schleppen. Aber wie steht´s mit der Entlastung bei seelischen Problemen? Ich kann ja doch nie exakt die andere werden, auch wenn ich sie entlasten will. Ihr Beziehungsproblem, seine Arbeitslosigkeit, die Krebserkrankung meines Nachbarn - all das kann ich ja nicht übernehmen mit einem lockeren "Na gib doch her, das schultere ich mal für dich". Also, bei solchen seelischen, geistigen Lebenslasten ist wohl mehr gefragt als nur breite Schultern und gute Bizeps. Ich denke, da braucht es: Mit-Leid, Empathie, Solidarität. 





Gerade das letzte dieser drei Worte kommt im Neuen Testament nicht vor. Kein, für dieses Wort im strengen präzisen Sinne war in der griechischen und jüdischen Welt damals kein Raum. Natürlich gab es dort gegenseitige Hilfe und Unterstützung, aber - versteht sich: nur von Römer zu Römer und Grieche zu Grieche. Das Christentum hat gegenüber der römischen und griechischen Antike dann den entscheidenden weiteren Schritt gemacht: Solidarität nicht nur zu Leuten der eigenen Kultur, sondern zu allen Menschen. 





Und Jesus hat bemerkenswerte Beispiele gegeben, die über das Utilitarismus-Prinzip hinausgehen: Wenn jemand dich bittet, dass du eine Meile mit ihm gehen willst: geh gleich zwei mit ihm. Wenn jemand vor dir deinen Rock haben will, gib ihm gleich den Mantel dazu. Eine großartige Perspektive: Kein enger Krämergeist, der ängstlich darauf bedacht ist, dass ich auch schleunigst und absolut sicher meine verliehenen 10 euro pünktlich morgen um 10h wieder bekomme. Statt dessen: Freigebigkeit, großzügiges Denken, ein offenes wohlwollendes Herz jenseits alles engen Kalkulierens und ängstlichen gegenseitigen Aufrechnens. 





Vielleicht haben sich unsere französischen Revolutionsvorfahren auch deshalb gerade diesen Dreiklang auf ihre Trikolore geschrieben:







Liberté

 

Egalité

 

Fraternité









Und fraternité kann man problemlos mit dem etwas modernen solidarité ersetzen. 





Ich merke: In dem kleinen Paulus-Satz steckt schöne  Dynamik drin.









(Quelle für das 2. o.a. Bild: www.jugendkorbinian.de)

Samstag

Gitarren Soiree

Samstagmorgen. Wochenende! Klingt zwar für einen Freiberufler nicht ganz so dramatisch-positiv wie für alle, die strikt Montag bis Freitag malochen müssen, aber dennoch eine gute Gelegenheit etwas inne zu halten. Die Bundeskanzlerin gönnt sich ja auch eine Auszeit, die allerdings rund 10.000 Euro Steuergelder kostet. Da mach ich´s lieber preiswerter, greif im Nulltarif zu meiner Gitarre und lass die düsteren morning news der FTD ("Wall Street taumelt ins Wochenende") erst mal beiseite: "Schwache Daten vom US-Arbeitsmarkt, ein enttäuschender Auftragseingang der Industrie: Anleger ahnen, dass sich das Tempo des Aufschwungs nicht mehr halten lässt - Nervosität bestimmt den Handel."



In zwei Wochen mach ich in Goslar eine kleine Gitarren-performance unter FreundInnen. Also ist Üben angesagt. Ich werd´s mir aber nicht unnötig schwer machen, sondern evergreens aus meinem Repertoire wählen. Bin ja sowieso nur Amateur auf basic level und spiel deshalb auch nur "halb-öffentlich" vor fehlerverzeihenden LiebhaberInnen der überschaubaren "Kammer"-Musik (nomen est omen). 



Hier ist der Ankündigungszettel:
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Appetizers:

Catalonian Folk Song

Fernando Sor (1778-1839) Op. 31, No 1 Andante

A Thought of Pujol

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John Dowland (1562 - 1626) What If a Day or Month or Year

John Dowland Melody

Francis Cutting (1550 - 1595) Bockington´s Pound



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Anonymous Menuet

Matteo Carcassi (1792 - 1853) Allegretto

Henry Purcell (1659 - 1695) Menuet

Carcassi Op. 18 Air Montagnard - Theme and Variations

G.F. Telemann (1681 - 1767) "Les Plaisirs"

(from Suite a-flat, arranged for guitar by BL)

Fernando Sor Op. 60, No 5



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Finale Espagnola

Isaac Albeniz (1860 - 1909) Op. 47, No 5 Asturias
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Ich spiele auf einer Alhambra Modell 2 Cedar und freu mich auf den Abend.



Die Appetizers kann frau/man über



https://docs.google.com/leaf?id=0B4laHurOfpteMTQ3N2M0NmQtOWMwZS00YjhhLThhNzctYTBjMWNlNmQ1NDMy&hl=de&authkey=COuJ7fEM



hören, aber nur, wenn keine Studioqualität erwartet wird. Ich hab einfach meinen ipod auf den Notenständer gelegt.... Und mich auch beim Tempo erstmal zurückgehalten. Sind ja noch 14 Tage hin.



Wer Schwierigkeiten mit dem m4a Format der Datei hat, hier ist ein converter ins bekanntere mp3 Format: http://www.heise.de/software/download/free_m4a_to_mp3_converter/51691

Freitag

Amazon bringt dir jetzt auch deine Brezel

Ökologisch-logistisch sicherlich höchst bedenklich, aber seit gestern mischt Amazon nicht nur den Bücher-, Musik- und Elektronik-Markt auf, sondern lehrt auch der Nahrungsmittelbranche das Fürchten.

(http://www.ftd.de/unternehmen/handel-dienstleister/:erweiterte-produktpalette-amazon-wird-lebensmittelhaendler/50137327.htm)

Auch Bio- und Fairtrade-Produkte und Weine sind natürlich auf der neuen Lebensmittel-Palette von Amazon, die 35.000 verschiedene Produkte umfasst. Das ist die grösste Auswahl an Lebensmittel in Deutschland online.

Dass nun wieder mal Millionen von Gütern, die es auch in der Region gibt, quer durch die Republik transportiert werden, ist zweifellos energetisch kritisch.



Andererseits erscheint die Hitze der Diskussionen mancherorts, ob man (zB Edeka-)Lebensmittelmärkte wegen des lokalen Einzelhandel verbieten soll, wie sie gerade auch an meinem Wohnort geführt wird, nun doch reichlich überzogen. 



Ich werd bei Amazon, wie schon immer, auch jetzt nur Sachen kaufen, die mir meine Region partout nicht bereitstellen kann (zB billige 2nd hand-Bücher), aber heute morgen konnte ich der Versuchung eines Tests doch nicht widerstehen und hab als gebürtiger Schwabe ein paar Bio-Laugenbrezel bei Amazon bestellt. Bin schon jetzt gespannt, wie die bei mir eintreffen. 

So oder so - da kommt was auf uns zu.

Donnerstag

Was geht uns das Schicksal eines verkorksten Entwicklungslandes an?

Starker Tobak, so ein Satz, oder? Sind da verfassungsfeindliche Umtriebe im Gange? Aber nein, so steht er, leicht anders formuliert, in der heutigen Ausgabe der FTD vom 1. Juli, auf S. 24. Und er ist auch nicht das Ergebnis von Wichtigtuerei einer FTD-Kommentarin. 





Nein, Ines Zöttl, reformuliert nur das, was unlängst immerhin der neue britische Militärminister Liam Fox endlich so klar aussprach: "Wir sind nicht zum Wohle einer Bildungspolitik in einem bankrotten Land aus dem 13. Jahrhundert in Afghanistan". 





 Wohl wahr und nun steht das Ende dieses unsinnigen militärischen Abenteuers endlich bevor. Spät zwar, aber immerhin. Ines Zöttl bringt die Niederlage der Nato in ihrem meisterhaften Kurzessay präzisest auf den Punkt:





  • Wachsende Frustration in den USA

  • Der US-Kommandant wird gechasst weil er keine Erfolge hat

  • Die Mardscha-Offensive der US: ein völliger Fehlschlag

  • Die Zahl der Toten steigt unaufhaltsam

  • Der Nato-Konsens, der Afghanistan-Einsatz sei sinnvoll, ist dahin  

  • immer mehr Länder verdünnen sich: Niederlande, Polen vielleicht?, Kanada nächstes Jahr, wer weiß wie lange UK noch bleibt (werden die Deutschen mal wieder die letzten US-Getreuen sein? BL)

  • Es gibt keine überzeugende Begründung für den Krieg = die Idee, in Afghanistan eine demokratische moderne Gesellschaft aufbauen zu können hat sich längst als obsolet erwiesen

  • Karsai bereitet sich nur noch auf den US-Abzugstermin in einem Jahr vor, setzt nicht mehr auf die US-Truppen, die dann weg sein werden, sondern verhandelt lieber jetzt schon mit den Taliban, die dann aus ihren Verstecken kommen und die Macht übernehmen werden

Jeder der wissen will, warum der Westen den Krieg in Afghanistan verloren hat, ist der ausführliche Kommentar von Frau Zöttl im Wortlaut dringendst empfohlen. (http://www.ftd.de/meinungshungrige)



Weitere Hintergrundanalysen auf: 

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57848





Quelle der Landkarte: tagesschau.de

Christian Wulff, Schach und Shakespeare

Guten Morgen, Herr Bundespräsident - Glückauf Christian! 



Jetzt bist du da, wo du hinwolltest. Oder besser gesagt: hinsolltest? = nach dem Wunsch deiner Parteifreundin, die dich nun nicht mehr als Konkurrenten fürchten muß.





Deine Inthronisation war ja nicht so ganz glücklich, also bleib bescheiden. Schon der große Dramaturg aus Stratford wußte: Die Krone ist nur ein hohler Reifen. Und in Deutschland haben wir die Kronen sowieso schon lange abgeschafft, exakt 100 Jahre, wenn du am Ende deiner zweiten Amtszeit sein wirst (du siehst, ich trau dir durchaus was zu). 



Aber Shakespeare hatte recht, und ich kann dir das von meiner online Schachpartie bestätigen, die ich gestern während deiner Wahl gespielt habe: Mein Gegenüber hatte schon zwei hübschgekrönte Damen um sich

vereint, und ich selber wollte gerade meine eigene Krone abgeben. Aber pardauz, da hatte mein Gegner doch glatt ein Remis-Patt übersehen. Da saß er nun inmitten seiner drei goldnen Kronen, die ihm nun auch nix mehr genützt haben. 



Also: Sei nicht zu übermütig. Mach dich an deine Denkfabrik in Bellevue, aber vergiss auch nicht: Dein Volk kann auch denken, nicht nur du. Wir denken zum Beispiel mehrheitlich ganz entschieden: Deutschland raus aus Afghanistan! Nein, das mußt du auf deinem Fest morgen noch nicht sagen. Die Wahrheiten spart man sich für später auf. Aber behalt sie im Auge. Und rezitier ab und zu beim Schlafengehen den großen Weltdramatiker:





Within the hollow crown

That rounds the mortal temples of a king


Keeps Death his court and there the antic sits,


Scoffing his state and grinning at his pomp,


Allowing him a breath, a little scene,


To monarchize, be fear'd and kill with looks,


Infusing him with self and vain conceit,


As if this flesh which walls about our life,


Were brass impregnable, and humour'd thus


Comes at the last and with a little pin


Bores through his castle wall, and farewell king!




Also Christian, du bist gewarnt vor dem trüben Glanz der Macht. Als Vorsitzender von einem kleinen Verein sag ich dir aus Erfahrung: Die Luft wird nach oben hin immer dünner, und wenn´s "unten" Probleme gibt, merkst du schnell, wie einsam du "oben" bist. Dennoch: Meinen Glückwunsch und gutes Gelingen!