Samstag

Händel-Sonate im Studio

Wohlmeinende BlogleserInnen haben den Blogger gefragt, ob er statt so oft auf die PIIGS zu blicken, nicht wenigstens hin und wieder auch mal was Schönes, Erfreuliches bloggen könne. Der Frage will er sich nicht verschließen. 



Da trifft es sich gut, dass ich als Flötist letzten Mittwoch mal wieder zum allwöchentlichen Musiktraining mit meinem Pianistenfreund zusammen war. Im Sommer werden es fünf Jahre sein, dass wir beide jede Woche mit Elan und Fleiß ("gesunder Amateurehrgeiz" nennen wir das) das barocke Flöte und B.c. Spektrum durcharbeiten. 


Vergangenen Herbst hatten wir einen leichten Motivations-Durchhänger. Wie gut, dass mein Partner mich mit der Ankündigung empfing, er wolle sich einen digitalen Musicrecorder kaufen mit dem Ziel - das war wirklich eine echte Überraschung - dass wir unsere erste CD brennen wollen. 




Bei unserer Suche nach einer geeigneten Komposition fiel unsere Entscheidung auf die schöne erste sog. Fitzwilliam-Sonate von Händel. Zwar  wird die Zahl flötenspielender LeserInnen des Unbequemen Blogs nicht sehr prominent sein, aber unter 10.000+, die hier reingucken, vielleicht doch der eine oder die andere. 


Voila, hier ein paar Überlegungen zur Aufführungspraxis. Wenn wir unsere CD gebrannt haben, wird es eine Post-Ankündigung im Unbequemen Blog geben.







Händel Fitzwilliam Sonate I (B-Dur)


1. Satz (Courante)
Die altfranzösische Courante war ein mäßig schneller Gesellschaftstanz, meist im 6/4-Takt. Um 1600 fand in Frankreich eine musikalische Aufbereitung des Tanzes statt (besondere Kennzeichen: Auftakt und Punktierung).


Die Courant der Händel-Sonate beginnt in den Takten 1-11 sehr fröhlich, beschwingt, heiter und geht danach in einen Dolce-Teil über. 


In Takt 11 und den späteren Parallelstellen darf Flötist darf keinefalls Triolen spielen.


Eine Herausforderung für jedes Zusammenspiel sind Ritardandi. Flötist und Cembalist müssen beide exakt zum gleichen Zeitpunkt mit dem Ritardando beginnen und danach das Ritardando-Profil völlig synchron gestalten. Mein Vorschlag: Das Ritardando beginnt in diesem Satz in Takt 42 nach dem punktierten tiefen F der Flöte.


2. Satz (Adagio)
Ein Satz im französischen Stil, also überscharf punktieren. In Takt 3-5 spielt die Flöte dann aber wieder dolce. Das hohe G der Flöte in Takt 6 hat Fermaten-Charakter, danach beginnt eine neue Phrase. Das Ritardando in diesem Satz könnte in Takt 10 beginnen, z.B. beim zweiten D der Flöte.


Wie ernst man das “Attaca” zwischen 2. und 3.Satz nehmen soll, ist ad hoc zu prüfen. Ein kleiner Abstand zum 3.Satz ist m.E. für die ZuhörerInnen angenehm.


3. Satz - Allegro
Eine fröhliche schnelle Gigue


In Takt 9 (und den Parallelstellen): darf der Flötist wiederum keinesfalls Triolen spielen.


In den Takten 13/14 und der Parallelstelle Takte 33/34 scheinen mir 4x Mordente hintereinander übertrieben, besser nur jede zweite Note verzieren. 


Das Ritardando im 2.Teil des 3. Satzes sollte erst im letzten Takt (35) einsetzen.

Kleines Euro-Strudel-ABC: PIGS - PIIGS - PIIGFS - PIIGFNLS

Auf meine Kritik am Konstruktionsfehler des Euro, eine einheitliche Währung ganz unterschiedlichen Volkswirtschaften aufzuzwingen, hat ein Leser entgegnet, dass der US Dollar zum Beispiel auch in Ecuador gültig sei. Formell stimmt das, aber die US kommen natürlich nie auf die Idee - wie jetzt bei den Pleitesanierungen der PIIGS - Ecuador deshalb zu sanieren, nur weil in Ecuador mit US Dollars bezahlt wird.


Ein anderer überlegt, ob er die jetzt so schön rentierenden irischen Anleihen kaufen soll. Na ja, in der Zeit bis zum Rückzahljahr 2020 kann allerhand passieren, auch Unerfreuliches für den Anleger.


Und wen der schwindelerregende Umfang des EFSF beruhigt: Der EFSF kann natürlich nie diesen Billionenpapierbetrag real ausgeben, viel früher würde sein AAA rating rasch in den Keller fallen. Und genau das wissen die Anleger, und deshalb wetten sie auf die Enttarnung des - Egal-was-kommt-wir-zahlen-Bluffs.

In der Financial Times stand letzte Woche, dass Analysten und Händler schon über die PIIGS hinausgucken... und fragen, wann Frankreich und die Niederlande, zum Schluß dann auch Deutschland, in den Euro-Abwärtstrudel geraten. Zum ersten Mal werden jedenfalls nun auch Deutschland-Anleihen in bemerkenswertem Umfang abgestoßen.

Die nächste Pokerrunde zwischen Bruxelles und den Märkten kommt bestimmt. Das Portemanai des Bloggers hofft, dass alles vielleicht doch noch gut ausgeht, aber sein Intellekt fürchtet den Kollaps.

Wow - über 10.000 mal wird der "Unbequeme Blog" gelesen

Über die ständigen Blogposts zu den PIIGS-Pleiten und der Euro-Krise hat der Blogger fast die Blog-Statistik vergessen. Aber heute - am Samstag erscheint die Financial Times nicht... - war mal ne ruhige Minute um das nachzuholen: 


Der Zeiger stand gestern abend auf exakt 10.081 Aufrufen. 


Danke für alles Interesse. Danke für gute Kommentare, gerade auch für kritische und kontroverse Rückmeldungen. Und Dank für immer gute Hinweise der LeserInnen auf neue Themen und gute "unbequeme" Quellen. 


Der Blogger bleibt am Ball. Material für die nächsten Posts liegt schon textbereit in der Schreibtischschublade:


  • Stresstest für Spanien - wie die Märkte auf das nächste PIIGS zielen 
  • Bericht aus dem Barockmusik-Studio
  • Rezensionen von "Smile or Die", "Reclaim the State", "Not for Profit - why Democracy Needs the Humanities"
  • Ein Blick in den Abgrund des grünen irischen Filz
  • Thinking the Unthinkable - was kommt nach dem Euro?



Stay tuned!

Umschuldung der PIIGS - na und?


In der Eurokrisen-Diskussion scheint die Umschuldung der pleitebedrohten Länder an der europäischen Peripherie ein Tabu zu sein. Warum eigentlich? Sei 1950 hat es international über 400 Umschuldungen für mehr als 80 verschiedene Staaten gegeben, mit gutem Erfolg. 


Die Umschuldungsmodelle reichen vom Haircut, Verlängerung der Schuldenrückzahlungs-Fristen bis hin zur Ermässigung oder vorübergehenden Aussetzung von Zinszahlungen. 


Unverständlich, warum diese ganz normale Methode, mit staatlichen Pleiten vernünftig umzugehen für die PIIGS tabuisiert wird. Macht die PolitikerInnen die Euro-Ideologie blind, wirtschaftlich rational zu handeln? 

Freitag

Dublin: Nach der Pleite bleibt nur noch der Galgenhumor

Quelle: online FTD von heute

Die nächste Runde: Wann erreicht die Pleite nach den PIIGS auch Frankreich und die Niederlande?


Das Buschfeuer ist nicht mehr auszutreten. Irische Anlagen lagen bei 9%, portugiesische bei 7%. Und die Analysten spekulieren schon, wann die Krise FRANKREICH und die NIEDERLANDE erreichen wird. 

Seitdem die Pleite Spaniens real geworden ist, nimmt es nicht wunder, dass die Anleger keine spanischen Anleihen mehr kaufen. Einfach zu riskant. Was den deutschen Bundesbankchef geritten mag, in dieser megagefährlichen Situation auch noch Öl ins Feuer zu gießen, indem er überlegt, dass der EFSF durchaus erhöht werden könnte, versteht kein vernünftiger Mensch. 

Ist doch klar, wie die Märkte das interpretieren: Weber traut dem derzeitigen EFSF nicht, die Märkte trauen den Beschwichtigungs-Parolen von Merkel und Co. nicht, und sie trauen nicht der finanziellen Überlebensfähigkeit der PIIGS, speziell der nächsten Pleitekandidaten Portugal und Spanien nicht. 

Ausserdem wäre eine solche EFSF-Erhöhung nur negativ spekulativ, denn der EFSF könnte seine Rettungsbillion (in diese Richtung gehen die gegenwärtigen spekulativen Hochrechnung) nie und nimmer ausschöpfen, wenn er nicht sein AAA Rating verlieren will. Aber auch die EU denkt viel zu unvorsichtig laut über eine Erhöhung des EFSF nach. Die deutsche Regierung bemühte sich deshalb auch eilfertig, sofort Webers Spekulation entgegen  zu treten.


Das beängstigende Ringelreihen um den EFSF, das wir jetzt erleben ist ein Martingale-Risiko-Spiel: Bei jeder neuen Runde, wo du verloren hast, verdoppelst du in der nächsten Runde den Einsatz. Damit kann man weit kommen, aber einmal platzt die Blase bestimmt. Fragt sich nur wann.
(Referenz: Die internationale Finanzpresse)

Zahlmeister Deutschland

Für den Normalbürger unvorstellbar, aber amtlich: Fast eine Billion (!) Euro sollen gegen die Pleiten der PIIGS bereitgestellt werden. Ende nach oben hin offen. Heute morgen prognostiziert die FTD schon mehr als eine Billion. Nachdem nun schon die Immobilien- und Bankenblasen geplatzt sind, wann platzt auch die Euro-Blase? 
Kein Wunder, dass die Finanzmärkte schon nicht mehr glauben, dass Deutschland als der Hauptgläubiger das noch schultern kann, so dass sie sich schon vorsorglich von deutschen Bundesanleihen trennen, für den Fall dass Deutschlands Finanzkraft überfordert ist, wenn es - nachdem wir schon Griechenland und Irland sanieren mussten - bald auch noch für Portugal und Spanien die Zeche bezahlen soll.  



Donnerstag

Stress-Test Spanien

IHT von heute wagt sich ans Denken des - bislang noch - Undenkbaren: der finanzielle Kollaps von Spanien. Leider rückt dieser Alptraum immer näher und ist nicht mehr schwarze Phantasie sondern eine beängstigende Möglichkeit. Spaniens Wirtschaft ist doppelt so groß wie die Wirtschaft von Griechenland, Irland und Portugal zusammen. Wenn Spanien pleite geht, wird die Eurozone wirklich ernsthaft getestet. Schlimm ist vor allem die Verflochtenheit Portugals (von dem mehr und mehr FinanzanalytikerInnen annehmen, dass es bald auch nur noch mit dem EFSF überleben kann) mit den spanischen Banken, die Portugal 78 Milliarden DollarNoch redet sich die spanische Finanzministerin mit den üblichen Rederitualen raus: "Wir widerstehen den Märkten". Mal sehen. Zunächst haben die Investoren die Spreads zwischen Spanien und Deutschland auf das Rekordhoch von 2,49 Punkte gepusht, die höchste Differenz seit der Einführung des Euro. Oder vertraut Elena Salgado dem Mantra "Spain is too big too fail". Mit der Illusion sind schon große Geldinstitute untergangen. Im nächsten Jahr muß Spanien ein Fünftel seiner Staatsschulden refinanzieren. Schon sind die Schuldenfinanzierungskosten für Spanien um fast 20% gestiegen. 

Ist der Bundesbank-Chef verrückt geworden?




Ja, wenn man es drauf anlegt, kann man mit solch dummen Äußerungen wirklich die Märkte verängstigen. Tönt doch Axel Weber abend vorlaut, dass es vorstellbar sein, den EFSF aufzustocken! Also glaubt er selber nicht an die wohlfeilen statements der PolitikerInnen im Mai, als der Pleitehilfsfonds aufgelegt wurde, dieser sei mit 750 Milliarden Euro völlig ausreichend. 


Kein Wunder dass die Anleger immer mehr glauben, dass der Fortbestand der Eurozone vielleicht doch nur ein Bluff sei, der der harten finanziellen Wirklichkeit nicht standhalten wird. Und sofort flüchteten sie aus den Anleihen der PIIGS. Aber nicht nur das: Zum ersten Mal kam es bei den bislang als vollkommen sicher geglaubten deutschen Bundeanleihen zu Kursverlusten. Wieder ein neues Menetekel an der Euro-Wand?

Der Euro hat ein Problem? "Nie und nimmer" tönt es "von oben"



Die Euro-Pleite geht unaufhaltsam weiter. Die Märkte reagieren negativ aufs neue Irische Budget, weil die Investoren fürchten, dass Irlands finanzpolitische Reaktion auf die Krise das Land noch schneller in den Bankrott führen wird.

"Eurointelligence" schlägt mit realistischem Humor vor, die Schwere der Eurokrise an der Zahl der PolitikerInnen-Reden zu messen, die abwiegeln, alles sei paletti mit dem Euro. 


Kostprobe, was unser political top players in diesen Tage sagen?

"Es gibt überhaupt keine Krise"
"Der ESFS ist unser Garant zum Überleben der Krise"
"Die Eurozonen-Mitglieder haben eine Krise, aber nicht der Euro"
"Das Allerwichtigste ist ein neuer Stabilitätspakt"



Merkel und ihre Berater haben immer noch nicht den Mechanismus der Euro-Krise verstanden. Ihr bail-in Plan treibt schon jetzt die Anleihen-Preise unaufhaltsam in die Höhe, was die Zahlungsunfähigkeit nicht nur von Irland sondern auch die weiterer Euro-Länder immer wahrscheinlicher macht. 


(Blogpost basierend auf Eurointelligence News Briefing von heute)

Mittwoch

Für die PIIGS zahlen, egal was es kostet?


Immer mal treffe ich Leute, die für die Aufrechterhaltung des Euro sind, egal was das kostet. Also auch dann noch, wenn nach den PIGS anschließend noch der Bankrott von Italien und vielleicht Belgien durch Transfers verhindert werden muss. Ich glaube nicht, dass das die deutschen und französischen WählerInnen mitmachen und vermute, dass Berlin und Paris mit dem Sanierungswahn Schluß machen, bevor die Wirtschaft von Deutschland und Frankreich daran kollabiert. In der so heterogenen EU besteht eben keine Interessensharmonie. 


Und die Märkte glauben offenbar auch nicht an die "Wir sanieren die PIIGS, koste es, was es wolle" - Parolen. Sonst würden sie nicht weiterhin unverdrossen gegen die EU spekulieren, um zu testen ob deren "offizieller" Sanierungwillen nicht ein Bluff ist. Einer wird bei dieser Pokerei verlieren, nur bedenklich, wenn es die EU ist, denn dann ist der Schritt in die Währungreform plus Zwanggeldabwertung wohl unvermeidlich. 


Für die es, da bin ich mir sehr sicher - auch wenn am Samstag vor der Währungsreform Berlin noch tönen wird "Ihr Geld ist natürlich absolut sicher" / so ist doch das political spin business - schon genaue Blaupausen im Finanzministerium gibt to think the unthinkable.  

Schäuble: Hü und hott in der Euro-Krise

Portugals verfehlte Wirtschafspolitik zeigt sich im gleichzeitigen Erhöhen von Staatsausgaben und Staatsbudget-Defizit. Die portugiesischen Spreads sind jetzt genauso hoch wie die griechischen vor der Griechenland-Pleite.

Inzwischen wetten Anleger schon darauf, dass Spanien in nicht ferner Zukunft seine massive Schuldenlast neu strukturieren muß.

Schäuble hat auch keinen Durchblick mehr. Sonntag tönte er noch, dass nach der Sanierung des bankrotten Irlands Schluß mit der Euro-Krise sei. Gestern sagt er im Bundestag, dass der Euro vielleicht nicht überleben wird. Und so jemand ist für unsere Finanzen verantwortlich?

Eurointelligence erinnert nochmal an die sogenannten "Stresstests" im Sommer diesen Jahres und überlegt angesichts des jetzigen Bankendesasters ob man nicht das eine oder andere Geldinstitut anzeigen müsste, zivil- oder sogar strafrechtlich, für ihre miese ihre des Tests.
(Referenz: Eurointelligence News Briefing)

Sanierung der bankrotten PIIGS treibt deutsche Kommunen in die Pleite


Mit großem Interesse lese ich in meiner heutigen Lokalzeitung von dem Ansinnen, die Nienburger Kreisumlage zu erhöhen, aber auch von dem sich sich dagegen formierenden Widerstand der Kommunen und freue mich, dass dieses Ansinnen in der Zeitung auch in einen grösseren volkswirtschaftlichen Zusammenhang gestellt wird. 

Vielleicht wachen jetzt doch immer mehr PolitikerInnen und BürgerInnen endlich auf, dass es nicht sein kann, dass unsere Kommunen pleite gehen, während für bankrotte Banken und Staaten wie Griechenland, Irland - bald auch: Portugal und Spanien, locker Milliarden von deutschen und französischen Steuerzahler-Euros-verbrannt werden. Niemand soll mehr sagen, er habe es nicht gewußt.

Hoffentlich hat der kommunale Widerstand Erfolg und auch die entsprechende Einsicht, wo die wirklichen Ursachen für solche Anschläge auf die finanzielle Nachhaltigkeit unserer Kommunen liegen. 

Portugal? Spanien! Karlsruhe (!)


Nach der Pleite Irlands richteten sich die Augen der FinanzanalytikerInnen zunächst auf den nächsten Pleite-Kandidat der PIIGS: Portugal. 


Die Anlagemärkte jedoch focussieren sich schon jetzt auf den übernächsten PIIGS-Pleite-Kandidaten Nr. 4: Spanien. Nicht nur die Staatsanleihen Portugals, sondern auch die Spaniens stehen stark unter Druck. 



Misstrauische Anleger zwangen gestern dem hoch verschuldeten Spanien höhere Zinsen für neue Anleihen auf. So musste das Land bei der Auktion von Staatsanleihen fast doppelt so hohe Zinsen
zahlen wie noch Ende Oktober. Im Anschluss gerieten die Kurse
der zehnjährigen spanischen Staatsanleihen massiv unter die Räder. Der Risikoaufschlag der Papiere gegenüber Bundesanleihen kletterte zeitweise auf 237 Basispunkte und damit auf den höchsten Stand seit der Euro-Einführung. „Das zeigt das, dass die Lage für Spanien brenzliger wird“, sagte Commerzbank-Stratege David
Schnautz.



In der deutschen Diskussion, ob sich Merkels Plan eines bail-in mittels privater Gläubigerhaftung bei Staatsbankrotts politisch in der EU durchsetzen lässt, blickt man in Deutschland immer mehr auf das Bundesverfassungsgericht. Schon die Rettungsaktion für das bankrotte Hellas im Mai diesen Jahres verstieß eindeutig gegen das bail-out Verbot im EU-Vertrag und wurde deshalb von Bruxelles mit höchst windigen sophistischen Formulierungen getextet. 


Und eine generelle Umwandlung der EU in eine Transferunion, abgesehen dass diesw wohl nicht gegen den berechtigten Widerstand deutscher, französischer und anderer Nord-EU-WählerInnen durchsetzbar wäre, die ihre hart ersparten Renten- und Sozialleistungen nicht für bankrotte PIIGS verbrennen lassen wollen, könnte spätestens am Widerstand in Karlsruhe scheitern.
(Referenz: heutige Ausgabe der FTD)

Dienstag

How to call a bluff - warum die Finanzinvestoren gegen die EU spekulieren




Ein freundlicher Leser meines Blogs hat mich auf einen SPIEGEL-Artikel hingewiesen, wo gegen den Euro-Skeptizismus Stellung bezogen wird. Sehr lesenswert. Zwei Sachen seh ich allerdings anders als der Autor dort:


1) Lange hat man bei der Eire-Krise gesagt, "Irland ist nicht Hellas",  und es sind natürlich verschiedene Wirtschaften, aber im Endeffekt eben an dem einen Punkte gleich: Sie konnten sich nicht mehr alleine vorm Bankrott retten, sondern mußten extern saniert werden. Deshalb höre ich nun sehr sorgfältig hin, wenn - wie der Autor - schon wieder gesagt wird "Portugal ist nicht Eire". Deja vu?!



2) Ausserdem teile ich nicht den Optimismus des Autors dass die PIIGS sich selber sanieren können, denn deren sog. "Sanierungs"programme sind auf völlig überzogenen Wirtschafts-Wachstumsprognosen gebaut, also unrealistisch.

Wir alle werden sehen was die Zukunft bringen wird. Mich erinnert die Mentalität des Spiegel-Autors sehr an die "erfolgreiche"! Spekulation von Soros gegen das Britische Pfund, wo auch monatelang der britische PM Major pausbäckig verkündete: "Das Pfund ist sicher und wird nicht abgewertet. Basta!" Wie diese Geschichte dann ausging, weiß man.

 Und auch das Wasserrosen-Phänomen lässt mich nicht los: Da gibt es eine Spezies, die sich exponential vermehrt, so dass man gestern den See zu harmlosen 25% mit Blättern bedeckt sah, heute sind es schon erstaunliche 50%, und niemand damit rechnet damit, dass morgen der ganze See zugewuchert sein wird. Will sagen: Ich fürchte Phänomene, die trotz allen guten Willens ausser unserer Kontrolle geraten und beim der jetzigen Finanzkrise bin inzwischen skeptisch, ob wir nicht da genau solch ein Phänomen haben.
 
Aber so oder so - auch wenn mir Finanzspekulanten wirklich fremd sind, eine ihrer heilsamen Funktionen, uns auf den Teppich zu holen, ist sehr hilfreich: An ihnen kann keiner sich vorbeimogeln. Was wir jetzt erleben, ist die Spekulation der Finanzmärkte. Sie testen, ob die PIIGS gerettet werden ohne tatsächliche Staats-Insolvenzverfahren, ohne Euro-splitting oder ohne Euro-Ende (über das sogar Spd-Gabriel schon laut nachdenkt). 

Die Spekulanten verhalten sich wie Pokerspieler: Entweder warten sie aufs finale show down = wenn der Gegner die Karten auf den Tisch legen muss und es sich herausstellt, ob er geblufft hat oder tatsächlich gute Karten hat. Oder sie testen ihren Gegner schon früher auf seine Glaubwürdigkeit. "To call a bluff" heisst das im Pokerjargon. Das machen die Finanzspekulanten jetzt mit der EU und ihrem Euro. Wir werden alle ZeugInnen sein, wie das Spiel ausgeht. 

Die EU: Planlos von Pleite zu Pleite




Wieder eine Krise. Wieder dasselbe übliche Schema: Erst freuen sich die Fiananz-Märkte, dann ist der Jubel vorbei, weil sie bei näherem Hinsehen klare effektive Details im Sanierungsplan vermissen. Und die Angst wächst, dass die nächste Pleitenländer schon um die Ecke stehen: Portugal und Spanien. Spanien ist krass überschuldet mit einem Schuldenstand so hoch wie der Japans Anfang der 90er. 


Bisher lief der Pleitesanierungs-Mechanismus noch mono-national: Erst wird Griechenland saniert, dann Irland. Auf die Dauer werden solch uni-nationale Maßnahmen aber nicht mehr reichen. Ob der irische MP die Krise seines Landes bis zu den Neuwahlen im Januar überstehen wird? Backbencher planen schon heute seinen sofortigen Sturz.


Und die Zukunft des Euro wird jeden Tag ungewisser. Noch mehr Staatsbankrott-Sanierungen. ohne dass Merkels Gläubigerhaftungs-Regime vertraglich vereinbart wird, ist bei deutschen WählerInnen wohl nicht mehr politisch durchsetzbar, ganz abgesehen davon, dass Karlsruhe dann intervenieren wird. Aber andererseits ist genau solch ein Regime wiederum in Spanien und Italien politisch nicht durchsetzbar.
(Referenz: Eurointelligence News Briefing von heute)

Die irische Immobilien-Blase - nach dem Boom der Katzenjammer



Jahrelang standen die Iren vor ihren Banken Schlange, um Hypotheken für ihre Häuser zu bekommen. Der irische Immobiliensektor war so aufgebläht, dass er sag und schreibe 20% der kompletten irischen Wirschaft ausmachte. Vor zwei Jahren ist der Hausboom drastisch zu Ende gegangen: Der Bankrott von Lehman Brothers ließ sofort auch die irischen Banken klamm werden. Seitdem haben irische Immobilien 50 und mehr Prozent ihres Wertes verloren und ein Ende dieses Preisverfalls ist nicht abzusehen. In Irland stehen rund 300.000 Neubauten leer, für die sich keine Käuferin findet. Am Ende gerieten die irischen Banken in eine solche dramatische Schieflage, dass ihnen der irische Staat mit satten 80 Milliarden Euro unter die Arme greifen musste. Mit dem Ergebnis, dass das irische Haushaltsdefizit gigantische 32 Prozent der irischen Wirtschaftleistung beträgt. Unter dieser Überbelastung kollabierte das irische Finanzwesen, so dass nur noch die Sanierung durch den EFSF übrig blieb. Trotzdem ziehen die die Anleger weiterhin massiv ihre Gelder aus irischen Banken ab.
(Referenz für Text und Grafik: FTD von heute)



Ciao, irischer Tiger

Quelle: Stern


Die Arbeitslosenquote in Irland ist auf 13,9 Prozent hochgeschnellt. Die Regierung muss massiv sparen. Irland hängt nur noch am Brüsseler Tropf und ist für Einwanderer unattraktiv geworden. Die Anleger räumen aus Angst um ihr Geld ihre irischen Konten leer, und immer mehr Menschen verlassen das Land. Die Auswanderungsrate ist so hoch wie seit den späten 80er-Jahren nicht mehr. 2009 wanderten mehr Menschen aus als ein. 2010 wird sich die Differenz vervierfachen.
(Referenz: FTD von heute)

Irlandsanierung - alles paletti? Nicht für die Märkte...

Montag

Euro-Probleme, die unsere PolitikerInnen lieber vertuschen als wahrhaben wollen

Es gibt keinen Domino-Effekt. Das hat Berlin, Paris und Bruxelles damals nach der Hellas-Pleite gesagt. Jetzt, nach der Irland-Pleite sagen sie es wieder - beschwörerhaft. Die Fakten sehen anders aus: Portugal Spanien haben über die Jahre einen exorbitanten Status ihrer Staatsdefizite erreicht. Sie sind die nächsten Kandidaten im grossen Sanierungstheater der EU-Zone. Bis dass der Vorhang fällt. Nur wird dann keiner mehr klatschen.




Die Vertuscher sind wieder am Werk

Quelle: standard.at
Jetzt klopfen sich die EU-Minister wieder auf die Schultern. Griechenland-Pleite? Irland-Pleite? War das was? Und Schäuble vornweg im Fernsehen: "Das ist das Ende der Probleme". Der scheint auch nicht mehr durchzublicken. 

Interessant: Die Sanierungssummen wachsen bei jeder Pleite von Meldung zu Meldung an. Die Griechenland-Rettung kostete weitaus mehr als in der Presse veröffentlicht. Bei Irland hieß es zunächst: 45 Milliarden Euro, jetzt sind wir beim doppelten Betrag angelangt, sicher noch nicht die Endsumme.

Und schon kommt der Domino-Effekt: Portugiesische Wirtschaftsfachleute erwarten nach der Rettung Irlands, dass auch Portugal um Rettung nachsuchen wird, und Wirtschaftsfachleute in Spanien rechnen damit, dass sich die Geldmärkte nach einer Sanierungsaktion für Portugal dann Spanien vorknüpfen werden.

Bei Irland und Portugal wird völlig ausgeblendet, dass beide Länder tatsächlich kurz vor dem völligen Staatsbankrott stehen, weil ihre angeblich noch beteuerte Zahlungsfähigkeit auf völlig unrealistischen, viel zu optimistischen Wachstumsraten beruht. 

Ausserdem ist die Wettbewerbsfähigkeit Portugals die schlechteste in der ganzen Eurozone. Und Merkels Vorschläge für den künftigen finanziellen Rettungsmechanismus in der Eurozone wird von den Geldanlage-Märkten überhaupt nicht goutiert.

Die Eurozone ist so verflochten, dass man gezwungen ist, auch noch ihre kleinsten Länder wie Griechenland und Irland mit viel Geld vor dem Ruin zu retten. Aber dann muß man es auch bei größeren Ländern machen, und solche gigantischen Sanierungpakete sind einfach unrealistisch, was der Geldmarkt hellsichtig sieht und nun munter dagegen spekuliert. 

Der Euro-Domino

Titelbild der heutigen FTD-Ausgabe


Zu späte Erkenntnis eines Finanz(!)Ministers...




Zitat des Tages:




„Die Banken sind ein
zu großes Problem, das
muss ich akzeptieren“


(Brian Lenihan, Irischer Finanzminster)

Irland-Bankrott - der Unbequeme Blog hat leider mal wieder recht




Guten Morgen, liebe LeserInnen des Unbequemen Blogs. Gerade studiere ich die FTD, deren online Ausabe ich jeden morgen um 6 Uhr exclusiv auf den screen erhalte. Bei so Sachen wie der Irland-Pleite habe ich wirklich nicht gerne recht, aber dass es so kommen würde wie jetzt, war mir schon seit Wochen klar und jedeR konnte es im Unbequemen Blog in vielen meiner detaillierten Blogposts nachlesen. 


Traurige Wahrheit, aber Irland ist eben genauso wenig Euro-überlebensfähig wie Griechenland und - meine nächste Prognose - die anderen PIIGS auch. Bald werden wir den Portugal-Bankrott erleben, dann ist Spanien, vielleicht auch noch Italien dran, von Belgien, das gleichfalls am finanziellen Abgrund steht, ganz zu schweigen. 


Nein, ich will überhaupt nicht rechthaberisch-besserwisserisch sein, aber seitdem ich mich im Rahmen des Griechenland-Bankrotts, als die skandalöse Illegalität des griechischen Euro-Beitritts - mit Duldung unserer Regierung und die aberwitzige euroverschwende Militarisierung und Hochrüstung von Hellas offenkundig wurde, Zug um Zug in die europäische Finanzkrise eingearbeitet habe, wurde mir immer deutlicher: Diese Eurowährung ist nicht nachhaltig und wird nicht überleben. 


Frustriert bin ich allenfalls über all die PolitikerInnen und spin doctors, die die Zeichen der Zeit fahrlässig oder willentlich nicht wahrhaben wollen, ihre Augen geflissentlich vor der dem Abgrund der jetzigen Eurozone verschliessen und ihrer Verantwortung vor ihren Wählerinnen und LeserInnen nicht nachkommen. "Irland ist nicht Griechenland" tönten Merkel und Co. seit Wochen. Nun ist klar, was ich ohne viel Mühe prognostizieren konnt, DASS Irland eben doch Griechenland ist. 


Und bald - read their lips! - werden wir das nächste Euro-appeasement-Mantra aus Berlin und Paris vorgesetzt bekommen: "Aber Portugal ist natürlich nicht Irland". Und so weiter und so weiter. Wir sind also gewarnt. Ich frage mich: Warum weigern sich die PolitikeInnen beim Euro-Skandal wieder mal wie so häufig auch sonst, einfach zuzugeben dass sie sich geirrt haben und die Euro-Risiken weit unterschätzt haben. Die WählerInnen würden ihnen das sicher nicht als Gesichtsverlust ankreiden, sondern wären dankbar, dass ihnen endlich reiner Wein geschenkt wird.


Und wer mich fragt, was ich denn als Alternativen anzubieten habe: Hier nochmal ganz kurz, was ich in früheren Blogposts schon detailliert gesagt habe: 



  1. Schluß mit der viel zu wirtschaftsheterogenen Eurozone.
  2. Wenn schon nicht Wiederkehr zu den Altwährungen dann mindestens ein double layer Euro: Nordeuro für D,FRA,Benelux und Südeuro für die PIIGS. Das dient beiden Euro-Regionen, stiftet Vertrauen in der Finanzwirtschaft und kann die Anleger von weiteren Spekulationen auf Länderpleiten abhalten.
  3. Endlich kompromisslose Gesetze gegen die Unterfinanzierung der Banken (auch der deutschen! = alle deutschen Landesbanken stehen vor dem Kapital-Kollaps), die nicht scharf genug sein können und mit drastischen Strafen bei Nicht-Einhalten versehen sein müssen. 






Nur so ein Gesamtpaket hätte den Namen "Sanierung" wirklich verdient und würde zum Nutzen aller Beteiligten, auch! der PIIGS wirken. Alles andere ist nur volksverdummende gefährliche Augenwischerei. So oder so - wenn es wegen Unfähigkeit unserer PolitikerInnen im nächsten Jahr zum großen Eurozonen-Crash kommt - kann niemand mehr sagen: sie/er habe es nicht gewußt und es habe ja keine Alternativen gegeben. Frau/man sollte eben nicht immer der braven Lokalzeitung vertrauen, sondern auch mal was Alternatives lesen, zum Beispiel den Unbequemen Blog...   

Sonntag

Afrikas Konflikte - eine gute Einführung mit Leerstellen

Produkt-Information


Rezension von:
Klaas Kunst "Afrika - Kontinente der Kriege, Krisen und Konflikte". Tectum Verlag, 2007. 272 Seiten. 24,90 Euro


Wieder einmal beschäftigt sich eine Publikation mit dem Kontinent, der oft als der "vergessene" bezeichnet wird. Sie veröffentlicht die studentischen Arbeiten eines Grundstudiums-Seminars gleichen Namens an der Universität Marburg. Der Sammelband gibt einen guten Überblick über die vielfältigen Probleme des Kontinent südlich von Europa, wobei das Niveau der einzelnen Beiträge unterschiedlich ist. Friederike Stock gibt eine vorzügliche Einführung in die Wasserproblematik am Nil, ohne diese allerdings leider in den generellen Kontext des Wasserkonfliktes in Afrika hineinzustellen. Anderseits gerät ein solch wichtiges Thema wie die Rohstoffausbeutung in Afrika bei Janne Wulf mit gerade mal mageren sieben Seiten wirklich zu kurz, und gerade bei diesem Thema hätte man sich instruktive Diagramme und Schaubilder gewünscht. 


Man kann diesen Sammelband gut als Mini-Lexikon für einzelne Länder Afrikas benutzen auch unter thematischen Gesichtspunkten. Dass Afrika allerdings "mehr zu bieten" hätte, nämlich Lösungen, wie Herausgeber und Verlag behaupten, bleibt doch ziemlich unterbelichtet. Vielleicht haben sich Verlag und Herausgeber auch deshalb nicht getraut, dieses Wort mit in den Buchtitel aufzunehmen. 


Von einem Grundstudium-Seminar kann man natürlich nicht eine vollgültige politologische Enzyklopädie erwarten. Enttäuschend ist aber doch, dass zwar so ein Spezialthema wie Gynaegamie Aufnahme in das Buch gefunden hat, dass die Publikation (und das heisst ja offenbar auch: das zugrunde liegende Uni-Seminar) aber auch gravierende thematische Leerstellen aufweist. So werden z.B. folgende wichtige Themen gar nicht erwähnt: 



  • Die deutsche Afrikapolitik
  • Der Waffenhandel Afrikas und die schlimme Rolle Deutschlands dabei
  • Die Bedeutung der MNC für Afrika (Botswana wäre ein gute Fallstudie gewesen)
  • Die politische Bedeutung von Mobilfunk und Internet in Afrika 
  • Ein Entwicklungsvergleich, warum Afrika und Asien - beide mit gleichen historischen Startbedingungen - einen so unterschiedlichen Entwicklungsverlauf genommen haben



Ganz besonders enttäuschend, dass ausser einzelnen Umweltaspekten die kontinentübergreifenden politischen Aspekte der Ökosphäre Afrikas überhaupt nicht zur Sprache kommen inklusive der sich abzeichnenden Konflikte über die internationale Ausbeutung der Solarenergie dort. Da hätte der Seminarleiter doch etwas pointiertere Vorgaben machen sollen. 


Dem Verlag ist der, speziell für den immer größer werdenden Bevölkerungsanteil von Personen über 60 unaktzeptable winzige Druckfont anzukreiden und dass es keine kapitelbezogenen Überschriften gibt, die doch im EDV-Zeitalter mühelos automatisch hätten generiert werden können. So irrt die/der LeserIn etwas orientierungslos durch das Buch. 


Trotz dieser Vorbehalte ist es erfreulich, dass mit einem solchen Buch Studierende die Aufarbeitung ihres Themas einer grösseren Öffentlichkeit vorstellen können.

Samstag

Das Irische Steuerparadies - wo es Firmen richtig gut geht

Quelle: Süddeutsche Zeitung

Ein Journalist in Afghanistan - ratlos aber scharfsinnig



Produkt-Information

Rezension von:
Ulrich Ladurner. Eine Nacht in Kabul. Unterwegs in eine fremde Vergangenheit. 256 Seiten. 21.90 Euro. Residenz Verlag 2010.

Ulrich Ladurner, ausgewiesener, kenntnisreicher Auslandsredakteur für die ZEIT nimmt uns mit zu seinen Reisen ins Kriegsland Afghanistan. Eine Kombination von 1st hand-Beobachtungen und Reflexionen historischer, politischer und soziologischer Art. Ladurner versteht es in eindrucksvoller Weise, der/m LeserIn Afghanistan sinnlich anschaubar werden zu lassen: sein Hitze, seine Grausamkeit, sein Sich Entziehen voreiliger analytischer Schablonen. Er scheut sich nicht, uns in langen Kapitel mit der afghanischen Geschichte vertraut werden zu lassen.  Manchmal allerdings wirkt das auf die Leserin auch verwirrend. Vielleicht ist es aber eine gewollte Verwirrung des Autors, dieses Schweben im schreibenden Duktus, der - absichtlich? - sich nicht entscheiden will oder kann? ob das nun ein Kriegstagebuch ist, ein Art Lonely Planet Reiseführer oder eine politologische Analyse ist.

Wer diese Kombination - KritikerInnen werden vielleicht einwenden: Mischmasch - gut tolerieren kann, wird mit dem Buch zufrieden sein. Sie muss sich allerdings auch auf sprunghaften Stil einlassen. Manchmal fragt man sich tatsächlich: Was will der Autor eigentlich mit diesem Buch? Wer - wie der Blogger - sein Berufsleben mehr als ein Jahrzehnt auf den Nachkriegsbalkan focussiert hat, kann sich gut mit vielen Stationen Ladurners identifizieren: die Hilflosigkeit der NGOs, die Anonymität militärischer Großmaschinerien, die Unwirklichkeit eines Lebens zwischen zukunftsloser Realität vor Ort und der Sicherheit eines europäischen Passes.

Schön, dass Ladurner auch politischen Klartext redet: gegen den zur humanen Intervention verklärten Angriffskrieg des Westens gegen Serbien und gegen das Rechtfertigungs-Mantra der NATO für ihren Krieg in Afghanistan, das Peter Struck so meisterhaft zusammengefasst hat, am Hindukusch würde angeblich die Freiheit Deutschlands verteidigt. Ähnlich beeindruckend kritisch Ladurners gespenstische Präsentation der namenlosen, anonymen Drohnen-Tötungsmaschinerie der Nato.

Ladurners haften bleibender Satz über Afghanistan: "Die  Briten, die Sowjets, die Amerikaner die Europäer schlugen ihren Wanderzirkus auf" erinnert mich, was einer meiner NGO-buddies mir achselzuckend mal sagte, als wir an der Sinnhaftigkeit unserer Vor Ort Präsenz in Bosnien zweifelten: "Ach Burkhard, die humanitäre Karawane zieht einfach weiter, heute Sarajewo, morgen Sudan, nächsten Monat Kolumbien". Einem weniger lokalversierten Autor hätte man das Klischee vom Wanderzirkus vielleicht nicht so ohne weiteres durchgehen lassen, aber hier passt es und wird fundiert eingesetzt.

Ziemlich am Ende des Buches steht ein Satz Ladurners, der auch der Schlußsatz hätte sein können: "Afghanistan war ein schwarzes Loch, in dem alles verschwinden konnte, alte und neue Weltmächte".

Eindrucksvolle Fotos des Autors ergänzend in guter Weise dieses nachdenklich machende Buch.

Irland - die Anleger verlassen das sinkende Schiff




Die Allied Irish Banks hat nach eigenen Angaben im letzten halben Jahr circa 13 Milliarden Euro an Einlagen verloren. Angesicht der bedrohlichen Lage der irischen Staatsfinanzen und des katastrophalen irischen Bankensektors flüchten die Institutionen und Geschäftskunden massenhaft. Wahrscheinlich muss deshalb die irische Regierung alle Aktien von Allied Irish Banks aufkaufen und ihren Staatsanteil dadurch dann auf über 90 Prozent steigern, eine faktische Enteignung. Bei der Bank of Ireland haben Firmenkunden seit August schon zehn Milliarden Euro abgezogen haben. Die Rettung der irischen Banken  treibt die staatliche Neuverschuldung Irlands in diesem Jahr auf 32 Prozent der Wirtschaftsleistung - mehr als zehn mal so viel wie von der EU erlaubt. Falls am Ende der jetzigen Rettungsgespräche zum Bankrott Irlands entschieden wird, dass Irland für längere Zeit aus dem Anleihenmarkt herausgehalten werden muss, wird der entsprechende Sanierungsbedarf um die 100 Milliarden Euro betragen. 
(Blogpost basierend auf "Spiegel online")

Freitag

Jesus, Rio, Swiebodzin

Quelle: tagesspiegel.de





Die flotte Kellnerin Iza in der Kneipe "Graffit" wippt im Pop und hat die Sache mit der weltgößten Jesus-Statue durchschaut:


"In Rio blickt Jesus aufs Meer hinaus und auf die Stadt. Bei uns in Swiebodzin auf den Supermarkt, das Schwimmbad und unser Restaurant."


Es gibt auch in den höheren Etagen der architektonischen Spiritualität kleine feine Unterschiede. 


(Quelle: FTD 19.11., S.29)

Ach wie gut dass jeder weiß, dass ich nicht Hellas, Eire, Portugal, Espagna oder Italia heiß

Eurointelligence News Briefing erklärt uns heute morgen das lustige Rumpelstilz-Reversi-Spiel bei den PIIGS:


"We picked up this statement by Elena Salgado, who said she saw no reason to compare Spain with Ireland and Portugal. So Ireland says it is not Greece. Portugal says it is not Ireland. Spain says it is not Portugal. And who knows, Italy may soon tell us that it is not Spain."

Entlarvt die sogenannten Wirtschafts-"Experten"

Zitat am Frühstückstisch
(aus der Kolumne von Thomas Fricke "In den Knast ihr Schluderer" in der heutigen FTD auf S. 31)

Donnerstag

Ciao Teuro - benevuto Neuro e Sudoru

Der Euro war ein doppeltes Fehlprodukt: 

1) Es war eine Schönwetter-Währung. Niemand hatte irgend einen Plan damals bei seiner Einführung, was mal werden würde, wenn Europa - wie jetzt ja ganz offensichtlich - in wirtschaftliche Turbulenzen geraten würde, 

2) Es wurden Staaten zusammengeschirrt, deren Wirtschaften völlig divergierten und die deshalb auch keine unisono Wirtschaftsinteressen hatten. Beides rächt sich jetzt fulminant.

Verschärft wurde diese Mißkonstruktion noch dadurch, dass Griechenland illegal - politisch gewollt aber wirtschaftlich unsinnig - in den Euroraum aufgenommen worden ist: durch massive Statistiklügen, vor denen Paris und Berlin - gegen ausdrückliche Warnungen von Wirtschaftswissenschaftlern - absichtlich die Augen verschlossen haben. 



Griechenland ist ein absurd hochgerüstetes und militarisiertes Land, das seine Sanierung bequem ohne den deutschen Steuerzahler betreiben könnte wenn es endlich sein aberwitzig aufgeblähtes Militär abrüsten und seine Mega-Armee zum produktiven Arbeiten in die Wirtschaft schicken würde. Wenn die Griechen schon jetzt immer so wohlfeil und laut nach sog. "Solidarität" rufen: Warum waren sie denn zehn Jahre lang im Euroraum uns gegenüber selber so unsolidarisch mit ihren Steuerbetrügereien und einem korrupten Gesellschaftswesen? Diese Mißwirtschaft und dass Beamte in Athen in einem Alter in Rente gehen, von dem wir hier nur träumen können - das sollen wir jetzt bezahlen? Sieht so die griechische "Solidarität" aus?

Der ESFS kann gerade noch die Irland-Pleite sanieren, aber dann ist rien ne va plus, wenn - das zeichnet sich ja ab - Portugal, Spanien, Italien, man spricht auch schon von Belgien, in die Pleite geraten. So viel Sanierungsgeld kann niemand, weder Frankreich noch Deutschland irgendwie aufbringen.

Besonnene Staatsinsolvenzen und die Wiedereinführung alter Währungen sind keine Schande - beides hat Südamerika vor 30 Jahren gut aus den wirtschaftlichen Katastrophen dortige Länder herausgeführt. Wenn der Drachme wieder in vernünftiger Relation zur DM steht und Hellas nicht auf künstliche hohem Euro-Niveau agiert, bekommt die griechische Wirtschaft wieder gute Wettbewerbsvorteile, die der Euro in Griechenland zur Zeit verhindert. 

Und wenn schon nicht die komplette Beendigung der Eurozone, dann aber wenigstens einen getrennten "Neuro" für D, FRA und Benelux und einen "Suduro" für die Rest-PIIGS und die beiden Nachfolge-Euros dann in einem realistischen Wechselkurs zueinander, nicht politisch künstlich und unrealistisch uniformgetrimmt. 



Vor dem Euro funktionierte Europa prima, es gab keinen Krieg, und jeder bekam den Lebensstil den er wollte - der Grieche halt mehr siesta als der Engländer und die Österreicherin sparsamer als die Polin. Seit dem Euro fings mit Zwangs-Verteuerung beim Kaufen bei uns an und jetzt sollen wir auch noch für die PIIGS blechen. Der Euro war ein neues Instrument, damit die Wirtschaftsakteure, speziell in D und F eine weitere intensivere Profitmaximierungsrunde eröffnen konnten. Hier lohnt sich ein Blick in die 
Analysen von Marx oder - wer´s moderner haben will: von Niklas Luhmann. 

Und wer jetzt moralisch argumentiert, dass wir mit dem Euro die PIIGS unterstützen müssen: Warum dann nicht gleich den Welt-Euro einführen - eine gemeinsame Währung mit der wir mit Somalia, Indonesien, Chile zwangsweise verbunden werden, Länder, denen es weitaus dreckiger geht als den PIIGS. Ich bin durchaus für Hilfe von Reich nach Arm, mein ganzes Berufsleben drehte sich um diese ethische Transferperspektive, aber nicht mit falschen monetären Instrumenten.

Die Worte "Währungsreform" und "Geldabwertung" sind jetzt nicht länger mehr Begriffe aus der historischen Mottenkiste der 20er Jahre, sonder leider sehr reale Bedrohungen. Und gegen den Zulauf, den nationalpopulistische Parteien bei einer deutschen Währungsreform rechts von der CDU bekommen werden, dagegen ist die jetzige NPD nur eine Marginalie. Über die gesellschaftlichen Verwerfungen in Deutschland, wenn es zum finanziellen crash auch bei uns kommt und die SparerInnen ihre Sparbücher getrost verbrennen können, weil die endgültige, quasi euro-kapitalistische Blase geplatzt ist, davon werden dann die späteren Geschichtsbücher schreiben. Die jetzige Euro-Mania ist strukturell-argumentativ das gleiche Mantra, mir der man uns die Atomkraft als "total sicher" verklickern will. Schluß mit dem Euro-Wahn!

Der gehaltvolle geografische Blog Geozentrale hat kürzlich eine instruktive Einführung in das Thema "Nachhaltige Stadt" gepostet. Nachfolgend der Start des lesenwerten Posts.



DIENSTAG, 16. NOVEMBER 2010

Was ist eine nachhaltige Stadt?

von Simon Argus

Nachhaltigkeit ist in aller Munde - auch in der Stadtentwicklung bemühen wir uns um die nachhaltige Stadt. Doch was ist das eigentlich? Auf welchen Grundlagen basiert der Begriff "Nachhaltigkeit" in einer urbanen Umgebung? Und wie messe ich Nachhaltigkeit? Viele Fragen und keine eindeutigen Antworten. Einige wissenschaftliche Ansätze zur Nachhaltigkeit in Städten stellt die Geozentrale hier vor.