Donnerstag

"Freiherr zu Copy and Paste" - Linksfraktion: "Bei Plagiat: Rücktritt"


FTD-Überschrift am 17.2.11:
"Bundesabschreibminister"


Quelle: abendzeitung-muenchen.de

Journalistin Klara Obermüller (bei der G. in seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben soll): 

"Es kostet ja keine Mühe, Anführungszeichen zu machen - vorne eins, hinten eins, die Quelle angeben...."

FTD 17.2.11 - Überschrift zum heutigen Leitartikel auf Seite 1: 


"Freiherr zu Copy and Paste"



Dr. Dietmar Bartsch, MdB: 
"Besser in Moskau promoviert, als irgendwo abgeschrieben."



FTD 17.2.11 - Überschrift zum Guttenberg-Dossier:
"Copygate"



Klare Obermüller (von der G. abgeschrieben haben soll): 
hat dadurch das Gefühl "offenbar etwas nicht ganz Dummes" geschrieben zu haben



FTD 17.2.11, heutige Titelseite (Guttenberg-Zitat): 
„Ein gewisser Absturz hätte bei mir längst kommen müssen ... Weil er bislang nicht gekommen ist, kann er stündlich kommen“

Mittwoch

Wo hat der Dr. (!) Guttenberg überall abgeschrieben? - Eine Liste all seiner möglichen Plagiate


"Welt Online" listet die vorab bekannt gegebenen verdächtigen Passagen in Guttenbergs Doktorarbeit auf. Diese sind auch im Internet zu finden. Die Seitenzahlen in den Klammern geben an, wo die vermeintlichen Plagiate in Guttenbergs Doktorarbeit zu finden sind.

Guttenberg: Der Abschreiber zum Strafdienst auf die Gorch Fock?


Falls Guttenberg bei seiner Doktorarbeit geschummelt hat, soll er...

Falls Guttenberg bei seiner Doktorarbeit geschummelt hat, soll er...
Antwort 1:
zurücktreten
16%
Antwort 2:
die Arbeit neu schreiben
13%
Antwort 3:
seinen Doktortitel verlieren
33%
Antwort 4:
auf die Gorch Fock versetzt werden
38%
2685 Stimmen
Der Kanzlerkandidat von eigenen Gnaden soll bei "seiner" ("seiner"?) Dr-Arbeit auch bei der "FAZ"abgeschrieben haben. Die Einleitung seines Opus deckt sich fast wörtlich mit einem Artikel aus der FAZ von 1997. Guttenberg hat dies nicht als Zitat kenntlich gemacht.
Die Journalistin, bei der Guttenberg in seiner Doktorarbeit abgeschrieben haben soll: "Es kostet ja keine Mühe, Anführungszeichen zu machen - vorne eins, hinten eins, die Quelle angeben." Aber: sie habe durch Guttenbergs Abschreiben den Eindruck, "offenbar etwas nicht ganz Dummes" geschrieben zu haben. 


Fast 40% sind laut einer Umfrage der FTD dafür, dass der Militärchef zur Strafe jetzt bei der Gorch Fock Dienst tun soll. Hoffentlich muss er dann nicht bei Windstärke 12 die Rahen bis zur Top hoch klettern. Davon haben nämlich Adelige aus Bayern keine Ahnung.  

Neues an der Heimatfront: Wie kam der Baron zum Doktor-Titel?

Nach Gorch Fock und Soldatenpost-Spionage holt den militärischen Strahlemann nun seineeigene Vergangenheit ein. Bei seiner Dissertation soll es nicht mit rechten Dingenzugegangen sein. Der Vorwurf des Plagiats steht im Raum. Klar, wenn man so überm Volk von Bauern und Büttnern schwebt und weiss, dass man natürlich zu Höherem berufen ist, meint man vielleicht, es mit den Quellen nicht so genau nehmen zu müssen. Aber in der academic community ist man not amused. 
Prof. Fischer-Lescano spricht von "dreistem Plagiat" und "Täuschung". Die SZ liefert nun das Hintergrundwissen. Vielleicht eine Sache, wo Prantl und Leyendecker mal einsteigen sollten.

Der nächste EU-Gipfel: Ausser Spesen wieder mal nix gewesen


EFSF / ESM: mal hü, mal hott. Irgendwas wird am 24./25. März (EU-Gipfel) passieren, fragt sich nur was. Schäuble zweifelt allerdings schon, ob überhaupt was passiert. Immer näher kommt der Punkt, wo die Märkte endgültig das EU-Gerede "wir retten den Euro komme was wolle" als den Bluff entlarven, der er immer schon war. Peter Spiegel in der FT ironisiert deshalb: wenn die Eurozone eine Chance vertun kann, dann vertut sie sie auch. Und auch das hochgelobte Hätschelkind von Merkel, der "Europäische Wettbewerbspakt" wird wieder in sich zusammenschnurren, weil er in der EU überhaupt nicht konsensfähig ist.

Die FAZ ist besonders sauer auf den geplanten ESM, weil der deutsche Finanzbeitrag rund 2/3 des Bundeshaushaltes ausmachen und die Bundestagssouveränität total aushebeln wird. Und das mag auch unser Bundesverfassungsgericht überhaupt nicht. Also wer weiß, vielleicht vetot das BVerfG den ESM einfach aus. Dann stünde Merkel nach der Weber-Personal-Pleite mit dem nächsten Plan-Desaster da.

Noch panicken die Finanzmärkte nicht, aber der Pessimismus ist unverkennbar wie die Entwicklung der Anleihe-Erträge zeigt:



(Referenz: Eurointelligence Newsbriefing 16.2.11)

Wachsendes Mißtrauen in der EU

Zum ersten Mal in der Geschichte der EU 

Dienstag

Unbequemer Blog-Meilenstein verschlafen: Jetzt 15.000 Seitenaufrufe

Vor lauter Unbequemen Bloggen über Eurokrise, Bundeswehr-Abspecken, PIIGS-Bankrott, Gorch Fock-Skandal, spannenden Rezensionen und sonstigem kritischem Focus hat der Unbequemer Blogger tatsächlich den genauen zeitlichen Meilenstein von 15.000 Seitenaufrufen in der letzten Woche verpasst. 


Also hiermit nachgeholt: Allen LeserInnen herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit, für gute Kommentare und Hinweise auf neuen Unbequemen Blogstoff. 


Weiter so.

Portugal, Irland, Deutschland - ein Momentaufnahme der sog. Europäischen "Union"



So viel auch über die Zukunft des EFSF hin- und her geschwafelt wird - Fortschritt ist dabei nicht zu erkennen.

In Portugal liegen derweils wie üblich die Regierung (optimistisch) mit den Finanzmärkten (pessimistisch) weiterhin über Kreuz. Die Analysten erwarten den Offenbarungseid Lissabons spätestens bis Juni diesen Jahres: dann wird Socrates endgültig nicht umhin kommen, den EFSF anzuzapfen.

Mario Draghi startet voll Energie ins Rennen um den EZB-Direktorenposten und schmeichelt sich schon mal mit einem Interview in der FAZ bei Deutschland ein, indem er positiv auf alle Wünsche von Merkel eingeht.

Für aussenstehende NormalbürgerInnen wie z.B. den Unbequemen Blogger ist es immer wieder unfassbar, mit welchen Geldsummen in der internationalen Finanzwelt jongliert wird bzw. wie die Zahlen manchmal von Tag zu Tag schwanken. Blickt noch jemand durch, wieviel Stütze Irland wirklich braucht, um nicht ganz bankrott zu gehen? Bitte vortreten! Oder den Wall Street Journal Real Time Brussels blog lesen, der verdientermassen den Geldhunger Dublins statistisch dokumentiert und siehe da: es fehlen immer noch 50 Milliarden Euro:

€ billions
Dec. 2010 + 2011
2012
2013
Total
Public-sector financing needs
40.2
29.5
29.2
98.9
+Bank recapitalization needs
25
5
5
35
=Total financing needs
65.2
34.5
34.2
133.9
-EU/IMF bailout money
42.9
19.7
5
67.5
-Use of Ireland’s own cash
12.5
2.5
2.5
17.5
=What’s left and needs to be raised
9.8
12.3
26.8
48.9

Und Europa spricht schon wieder vom Deutschen Wirtschaftsimperialismus. Kostprobe? In einem Editorial des Irish Independent on Sunday wird kolportiert, dass ein griechischer Abweichler in einem EU-Ministertreffen von seinem deutschen Kollegen zum Schweigen verdonnert wurde. Offenbar fand es der Deutsche schlicht unverschämt, dass sein griechischer Kollege es überhaupt wagen konnte, sich in der Debatte zu melden, gar eine eigene (und dann noch von der deutschen abweichende) Meinung zu haben. Das ist die neue "EU-Partnerschaft". Das Editorial stachelt abschliessend die kleinen Staaten der EU auf, zusammen zu stehen und sich gegen die “Imperialen Ambitionen von Frau Merkel and ihre verschlagenen französischen KollaborateurInnen" zu Wehr zu setzen.”

Ansonsten spricht die Entwicklung der spreads bei den PIIGS ihre allseits beredete Sprache:


10-year sovereign spreads (against 10 year German bunds)

Previous Day Close
Yesterday’s Close
This morning
France
0.372
0.382
0.381
Italy
1.496
1.580
1.562
Spain
1.954
2.027
2.055
Portugal
4.055
4.181
4.203
Greece
8.280
8.327
8.40
Ireland
5.805
5.854
6.020
Belgium
0.890
0.917
0.934
Bund Yields
3.313
3.295
3.288
Source: Reuters

(Referenz: Eurointelligence News Briefing 15.2.11)

Der Galgenhumor der Hamburger CDU

FTD 15.2.11

Die USA sind nicht Griechenland, aber...

wenn sie sich weiter so verschulden wie bisher, können sie es durchaus über kurz oder lang werden. Das US-Haushaltsdefizit wird in diesem Jahr bei über 1500 Milliarden US Dollar liegen. Statt nun ein ehrgeiziges Sparprogramm aufzulegen, pusselt Obama an Trivialitäten (wie zB der Heizkostenhilfe für Bedürftige) herum. 



Schon jetzt steht aber fest, dass die nur 1100 Mrd. Dollar, die Obama in den kommenden zehn Jahren einsparen will, nicht ausreichen, um das US-Defizit in den Griff zu bekommen. Zum Beispiel müsste Obama die Militärausgaben drastisch kürzen. Aber das ist natürlich unpopulär. 


Wenn der Zauderer Obama aber noch länger zaudert, wird die Situation noch viel schlimmer. Noch spielen die Finanzmärkte mit und kaufen amerikanische Staatsanleihen. Aber wenn sie Obama und der US-Bonität mal nicht mehr trauen? Dann kommt auch für die USA der Griechenland-Effekt = dann werden noch viel drastischere Ausgabenkürzungen nötig sein, um die Investoren bei der Stange zu halten.

Wer sich´s leisten kann - Schuldenmonster USA

Mein unvergessener akademischer Lehrer Karl W. Deutsch (Harvard) definierte Macht als:





"Sich leisten können, 
nicht lernen zu müssen"

Diese Graphik seines Landes gibt ihm recht:




FTD 15.2.11

Walter Luber zum 100. Geburtstag

heute wäre mein Vater 100 Jahre alt geworden. Jetzt wo ich wieder viel Schach spiele, bin ich ihm besonders verbunden. Er war - für ein Amateur - ein brillanter Spieler mit toller Schachphantasie, Scharfsinn für positionelle Feinheiten, Opferinstinkt. Und ein durch und durch Tarrasch-Schüler: "Der Geist muss über die Materie siegen". Oder: "Bei ausgeglichener Position, spiele man ruhig (!) weiter". Und: "So was muss man eben SEHEN".

Aber ich bin meinem Vater auch sehr verbunden in seiner unbeugsamen Art gegen die Übermut der Ämter, gegen Ungerechtigkeit an den kleinen Leuten, in seinem Engagement für die, die der Bürokratie oder (z.B.) frechen Vermietern hilflos ausgesetzt waren. 

Über den Unbequemen Blog würde er sich bestimmt freuen. 

Und wenn ich nochmal studieren könnte, würde ich wie er Jura studieren. Er hätte seine Freude daran, wenn er meine - jetzt in seinem Geburtstagsmonat (!) bei Amazon gekauften - dicken Kommentare zum StGB und zur StPO in meinem Regal sehen könnte. 

Montag

Hintergrundsbuch zur Euro-Krise

Rezension von
Jens Peter Paul: Zwangsumtausch. Wie Kohl und Lafontaine die D-Mark abschafften. Peter Lang AG Frankfurt 2010. 344 Seiten. 49.80 Euro


Autor Dr. J. P. Paul
Eigentlich eine gute Zeit für ein Euro-kritisches Buch, jetzt wo der Zweifel am Bestand dieser Währung immer breitere Kreise in der Politik erfasst - von der Bevölkerung ganz zu schweigen. 


Jens Paul legt hier - ganz klar wird das leider nirgendwo gesagt - die Buchfassung seiner Dissertation zur Euro-Einführung vor. Es soll eine exemplarische kritische Monografie über politische Entscheidungsprozesse in Deutschland sein. Der Autor wehrt sich gleich zu Anfang dagegen, dass seine Kritik plattes politikerInnen-bashing sei. Das Hauptproblem ist offenbar im Berliner Politikbetrieb, S. 10, ein "gefährlicher Mangel an Courage und Gestaltungswillen" bei den politischen AkteurInnen. 


Das mag so sein, aber warum Paul dann eine Seite weiter geradezu einen fast jämmerlichen Kotau vor den armen überlasteten MdBs macht, bleibt schleierhaft. Denn: Wer auf den Zug der politischen Karriere aufspringt, weiß doch genau, was auf ihn zukommt und wenn er das nicht will, soll sie das gefälligst bleiben lassen. 


Bemerkenswerterweise erwähnt Paul mit keinem Wort die immensen finanziellen und anderen Privilegien, die die Abgeordnetenkarriere so mit sich bringt: dicke Einkünfte, schnell erworbener Rentenanspruch, DB-Freifahrten etc etc.
Also so schlecht, wie Paul es hier beschreibt, kann es unseren Abgeordneten dann doch nicht gehen - warum gäbe es sonst die großen Rangeleien, wenn es um die Besetzung der Landeslisten vor den Bundestags-Wahlen geht? 


Paul stellt in den Mittelpunkt seiner Abhandlung die Legitimität der Euro-Einführung. Leider steht im ganzen Buch keine wirklich handfeste saubere Definition dieses Begriffes. Im Sachwortverzeichnis findet sich auch keine Referenz - es gibt ein solches nämlich gar nicht. Wie ein Verlag ein solches Buch ohne Sachregister publizieren kann, ist eine Merkwürdigkeit eigener Art bei dieser immerhin 50 Euro teuren Publikation. 


Wir verstehen zumindest, dass Paul mit Legitimität nicht juristisch einwandfreies Verfahren meint. Aber was ist Legitimität dann? Moral? (Niklas Luhmann würde hier nur lachen). Platte Akzeptanz in der Bevölkerung? (aber die Wiedereinführung der Todesstrafe hätte auch hohe Akzeptanz, das kann Paul hoffentlich nicht meinen). Also verkommt der Begriff etwas schwammig zu einer gewissen Befindlichkeit, good-feeling, "ihr (Bevölkerung") seid ok, wir (Politiker) sind ok". 


Ab S. 39 geht das Buch dann richtig los. Mit einem Duktus, der analytische Sprache mit einer Unmenge von Zitaten kombiniert. Das soll wahrscheinlich Authentizität in der Darstellung signalisieren, vermiest einem jedoch die Lesefreude, weil man alle paar Minuten zwischen unterschiedlichen Drucktypenfonts und zwei unterschiedlichen Sprachebenen hin und her springen muss. Kontinuierliche Lektüre wird dadurch nicht möglich. 


Aufatmend hat sich Unbequeme Blogger schließlich bis Kapitel 13 durchgekämpft mir der endlich erlösenden Überschrift "Zusammenfassung". Die erstellt Paul so, dass er gravierende Kommunikationsdefizite zwischen PolitikerInnen und Bevölkerung und innerhalb der Berliner politischen Klasse konstatiert und - das haben wir durch die Lektüre hindurch schon vermutet - eine großes Legitimationsdefizit bei der Euro-Einführung. 


Gut das zu wissen in der jetzigen Euro-Chaos-Debatte. Aber irgendwie ist es auch finanzpolitisch-praktisch erfrischend in 2011 zu erleben, dass es dem Euro nun nicht an den Kragen geht, weil er nicht genügend politische Legitimation für sich reklamieren kann, sondern weil die Märkte genüsslich PolitikerInnen vor sich hertreiben, die die Mechanismen dieser Märkte weder verstehen noch wahrhaben wollen. Die Märkte kümmern sich n feuchten Kehricht um Legitimation oder Delegitimation des Euro, sondern sie wetten fröhlich zäh darauf, dass sich der große Paris-Berliner Schwur "Wir retten den Euro, koste es was es wolle" als leerer Bluff entpuppt - klassisch wie Andersens "Des Kaisers neue Kleider".


Abschliessend noch zwei Ärgerlichkeiten am Rande: Dass Paul der politischen Kaste in Berlin mit Respekt begegnen will, sei ihm unbenommen. Warum er aber in barocker Opulenz seinem Interview von Ex-Kanzler Kohl, dessen drei Vornamen, Ehrenbürgerschaft und Ehrendoktorhüte voranstellt, ist schon fast eine Posse an Subalternismus. Und - hat hier denn kein Verlagslektor aufgepasst? - warum unterschlägt die Bio des Autors auf S. 344 ausgerechnet dessen Jahrgang?